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Foto: Andreas Caspari
23. Mai 2024

„Es ist alles erlaubt“

Claudia Janet Birkholz ist künstlerische Leiterin des „Realtime“-Festivals

Vom 17. bis 21. Mai steht Bremen ganz im Zeichen der Neuen Musik. Das diesjährige „Realtime“-Festival, das 2021 Premiere feierte, bietet an fünf Tagen ein umfangreiches Programm mit audiovisuellen und experimentellen Konzerten, Musiktheater, Lectures und mehr. Zudem wird erstmalig der Köster-Preis verliehen. Bremerinnen und Bremer dabei einen Einblick in die Vielfalt des Genres zu gewähren, ist der Kerngedanke des Vereins „Realtime – Forum Neue Musik“, der als Veranstalter agiert. Die Pianistin Claudia Janet Birkholz ist die künstlerische Leiterin des Festivals. Im Interview erklärt sie, was „Neue Musik“ eigentlich ist, was das Festival inhaltlich bereithält und welche Rolle künstliche Intelligenz im Programm spielt.

Vom 17. bis 21. Mai steht Bremen ganz im Zeichen der Neuen Musik. Das diesjährige „Realtime“-Festival, das 2021 Premiere feierte, bietet an fünf Tagen ein umfangreiches Programm mit audiovisuellen und experimentellen Konzerten, Musiktheater, Lectures und mehr. Zudem wird erstmalig der Köster-Preis verliehen. Bremerinnen und Bremer dabei einen Einblick in die Vielfalt des Genres zu gewähren, ist der Kerngedanke des Vereins „Realtime – Forum Neue Musik“, der als Veranstalter agiert. Die Pianistin Claudia Janet Birkholz ist die künstlerische Leiterin des Festivals. Im Interview erklärt sie, was „Neue Musik“ eigentlich ist, was das Festival inhaltlich bereithält und welche Rolle künstliche Intelligenz im Programm spielt.

Frau Birkholz, das „Realtime“-Festival hat sich inhaltlich der sogenannten Neuen Musik verschrieben. Was genau hat es damit auf sich?

Unter Neuer Musik versteht man grob das, was seit etwa 100 Jahren komponiert wird und in der Klassik fußt. Zeitgenössische Musik ist ein anderer Begriff dafür.

Was ist für Sie persönlich das Besondere an dieser Kunstform?

Es ist eine Musik, die sehr aktuell ist, und damit ist nicht nur die zeitliche Komponente gemeint. Sie geht auf gesellschaftlich und politisch relevante Themen ein und bildet diese künstlerisch ab. Das finde ich unfassbar spannend. Zugleich ist Neue Musik unglaublich vielfältig. Die einzige Regel, die dabei gilt, lautet: Es ist alles erlaubt. Ich bin mir sicher, wer eintaucht und sich mit Neuer Musik auseinandersetzt, wird auch etwas finden, was ihr oder ihm gefällt.

Ist diese Vielfalt des Genres auch auf die Zielgruppe übertragbar?

Ja, das trifft definitiv zu. Vor allem handelt es sich jedoch um Musik, die für junge Menschen interessant ist. Menschen, die einerseits neugierig auf klassische Musik sind, sich auf der anderen Seite jedoch von der herkömmlichen Klassik nicht abgeholt fühlen.

Wie meinen Sie das?

Ich komme selbst aus der Klassik und kann mich noch gut daran erinnern, wie ich ausgebildet wurde. Es ging stets um die reine Musik, und deren stilistisch korrekte Deutung und natürlich um die richtigen Töne. Alles andere galt als vollkommen zweitrangig. Das halte ich für unzeitgemäß. Wichtig ist auch die Präsentation, wie sie etwa die Popmusik beherzigt. Da kommt die klassische Musik nicht mit. Meine Meinung ist, dass man dadurch die Chance verspielt, ein junges Publikum für das Genre zu begeistert. Einfach nur hinsetzen und zuhören: Diese Form der Konzerte ist einfach überholt. Die Neue Musik arbeitet mit szenischen und visuellen Elementen, Elektronik und auch mit künstlicher Intelligenz.

Also ist reguläre klassische Musik nicht mehr zeitgemäß?

Also ich liebe diese Musik sehr, da möchte ich keinen falschen Eindruck vermitteln. Wenn ich nicht mehr die Möglichkeit hätte, Brahms‘ Sinfonien von einem großen Sinfonieorchester zu hören, würde mir definitiv etwas fehlen. Aber das ist eben nur eine Komponente. Die klassische Musik hat sich weiterentwickelt und mit der neuen, zeitgenössischen Musik einen Bereich hervorgebracht, der auch aktuelle Themen abbildet. Ich möchte, dass möglichst viele Menschen diese kennenlernen und entdecken, was sie alles bereithält.

Inwieweit ist Neue Musik bereits in der Kulturlandschaft angekommen?

Tatsächlich ist dieses Genre in der breiten Öffentlichkeit noch wenig bekannt. Das Vorurteil, dass sie sehr verkopft ist und ihr Verständnis viel Vorwissen verlangt, hält sich hartnäckig. Und ich muss zugeben, dass wir Musiker:innen bisher wenig dafür getan haben, daran etwas zu ändern. Wir haben das normale Publikum vernachlässigt und versäumt, ihm einen Zugang zur zeitgenössischen Musik zu gewähren. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir solche Zugänge anbieten und Neue Musik auf Augenhöhe präsentieren. Das möchten wir mit dem Festival ermöglichen.

Was können Sie uns zum diesjährigen Programm sagen?

Es wird ein buntes Programm an fünf Tagen geben. Das beschränkt sich keineswegs nur auf Konzerte. Es werden auch Workshops und Gesprächsrunden angeboten, außerdem ein Programm im öffentlichen Raum. Ein Schlagzeuger wird zum Beispiel mit unserem Jugendensemble „Smsuic21“ durch die Stadt ziehen und kleine Pop-up-Konzerte geben. Und ein Klangspaziergang bietet die Möglichkeit zu entdecken, wie die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes klingt.

„Mensch-Musik-Maschine“ lautet das Motto des diesjährigen Festivals. Was verbirgt sich dahinter?

Technische Neuerungen werden schon seit hundert Jahren in der Neuen Musik künstlerisch verwendet. Am Anfang waren das elektronische Instrumente, etwa das Theremin und das Trautonium, später weiterentwickelte Instrumente wie das Fello, ein Cello mit einem modifizierten Bogen. Irgendwann kamen die künstliche Intelligenz und die Robotik dazu. Es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, die damit arbeiten und ihre Darstellungsformen unter anderem am IRCAM entwickelt haben, einem bekannten Musikforschungsinstitut in Paris. Für das diesjährige Festivalprogramm arbeiten wir mit diesem Institut zusammen, woraus sich auch die Wahl des Gastlandes Frankreich ergeben hat. Vor den Aufführungen gibt es zudem immer kleine Einführungen, um das Gehörte und Gesehene verstehen und einordnen zu können. Der Austausch liegt uns sehr am Herzen.

Als Konzertpianistin sind Sie selbst Vollblutmusikerin. Beschränken Sie sich beim „Realtime“-Festival auf die Arbeit hinter der Bühne?

Nein, es ist natürlich auch mein inniger Wunsch, am Festival inhaltlich mitzuwirken. Ich werden beim Eröffnungskonzert im Sendesaal auftreten, zusammen mit Laurenz Theinert, der ein Visual Piano entwickelt hat. Ich versuche in meinen Konzerten stets auf der einen Seite Werke der zeitgenössischen Musik zu präsentieren, die ich mag, auf der anderen Seite ist mir aber auch die bereits erwähnte Szenografie auf der Bühne wichtig. Daher freue ich mich, dass ich Laurenz Theinert zur Mitarbeit überzeugen konnte. Er wird den gesamten Sendesaal in Licht eintauchen. Zuschauerinnen und Zuschauer werden inmitten eines Meeres aus Klängen, Farben und sich bewegenden Formen sitzen. Zusätzlich wird am Eröffnungsabend mit Christina Ott eine Künstlerin aus dem Gastland Frankreich auftreten und am Ondes Martenot spielen, einem der frühesten elektronischen Tastinstrumente.

Ergänzend zum Programm wird im Rahmen des „Realtime“-Festivals der Köster-Preis verliehen. Was hat es damit auf sich?

Das war ein echter Herzenswunsch von mir. Um die Relevanz dieses Bühnenelements herauszustellen, haben wir einen Preis ins Leben gerufen, um neue Aufführungskonzepte zu würdigen. Junge Künstler:innen und Kollektive konnten sich dafür im vergangenen Jahr bewerben. Für die eingesetzte Jury war es eine klare Sache, sie hat sich für das Stück „Swangate“ des Ensembles Cocaine Hippos entschieden. Sie werden die Schaulust am Güterbahnhof mit robotisierten Vögeln und künstlicher Intelligenz in eine fiktive Stadt verwandeln. Das wird hochgradig spannend!

Zu guter Letzt: Warum sollten sich Bremer Musikbegeisterte das „Realtime“- Festival nicht entgehen lassen?

Dieses Festival ist einfach etwas ganz Besonderes. Wir bieten die Möglichkeit, in eine musikalische Welt einzutauchen, die vielen noch unbekannt ist. Ich vergleiche es immer mit einer kleinen Abenteuerreise: Je weiter man voranschreitet oder in unserem Fall rein hört, desto spannender wird es.

Das „Realtime“-Festival findet von Mittwoch bis Sonntag, 17. bis 21. Mai, an verschiedenen Veranstaltungsorten statt.
Nähere Infos zum Programm und Ticketkauf: www.realtime-bremen.de

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