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Foto: F. Schaub
#Bremer Köpfe
12. April 2024

Versengold: „Der Erfolg war nie geplant“

Die Bremer Band feiert ihr 20-Jähriges / Doppelkonzert im Metropol Theater

Sie sind aktuell Bremens erfolgreichste Band: Versengold. Mit ihrem Album „Was kost’ die Welt“ schafften es die Folkrocker im vergangenen Jahr auf Platz eins der deutschen Albumcharts. 2023 feiert Versengold 20-jähriges Bandjubiläum und tritt zweimal im Metropol Theater auf, spielt ein Open Air in Bassum und veröffentlicht ein neues Album. Bei einem kurzen Tour-Stop trafen wir Sänger Malte Hoyer und Bassist Eike Otten in ihrem Proberaum in der Überseestadt zu einem Gespräch.

Sie sind aktuell Bremens erfolgreichste Band: Versengold. Mit ihrem Album „Was kost’ die Welt“ schafften es die Folkrocker im vergangenen Jahr auf Platz eins der deutschen Albumcharts. 2023 feiert Versengold 20-jähriges Bandjubiläum und tritt zweimal im Metropol Theater auf, spielt ein Open Air in Bassum und veröffentlicht ein neues Album. Bei einem kurzen Tour-Stop trafen wir Sänger Malte Hoyer und Bassist Eike Otten in ihrem Proberaum in der Überseestadt zu einem Gespräch.

Wie ist es, wieder auf Tournee zu sein?

Malte Hoyer: Im vergangenen Jahr im Oktober sind wir mit der „Was kost’ die Welt“-Tour zum ersten mal wieder richtig unterwegs gewesen. Das war schon heftig. Wir haben erneut vor mehreren Tausend Leuten in Clubs gespielt, haben die Masse wieder gehört, gesehen und gespürt. Ein bisschen wie früher, als man zum allerersten Mal auf die Bühne gegangen ist.

Eike Otten: Ich musste anfangs auf jeden Fall erst einmal wieder richtig reinkommen und hatte noch mehr Lampenfieber als sonst. Ich erinnere mich noch an das Abschlusskonzert im Ruhr-Congress in Bochum, welches ein Hybridevent aus Livegig vor Publikum und Streamingshow war. Das war schon eine ganz besondere Show und hat viel Eindruck auf mich gemacht.

Sie haben während der Coronazeit Auto-, Strandkorb- und Streamingkonzerte gespielt. Wie hat sich das angefühlt?

Malte Hoyer: Es war ungefähr genauso ungewohnt wie es zuletzt war, wieder vor Publikum zu spielen. Ich erinnere noch das erste Mal, als der Countdown angezählt wurde, wir auf die Bühne gegangen sind. Und dann waren da keine Menschen, sondern nur Kameras. Dennoch musste man die Energie aufbringen, als wäre Publikum vor Ort. Wir haben relativ früh mit den Streamingkonzerten angefangen und waren, glaube ich, auch eine der ersten Bands, die Konzerte mit Paywall, also bezahlt, gespielt haben. Wir wollten, dass es in den Köpfen der Leute bleibt, dass es eine Leistung ist, die wir erbringen, wenn wir live spielen. Dafür sind wir dann auch nicht bei uns im Wohnzimmer aufgetreten, sondern haben eine Bühne in einem Konzertsaal aufgebaut, es gab diverse Kameras, eine Regie und viel Fachpersonal. Wir hatte eine Licht- und teilweise sogar eine Feuershow und haben mindestens zwei Stunden gespielt.

Eike Otten: Es war einfach komisch, in eine Kamera statt in die Gesichter der Leute zu gucken. Irgendwie hat man die Anwesenheit der Leute trotzdem gespürt. Unsere Crew hatte zudem ein Zoom-Meeting aufgestellt, in dem sich mehrere Hundert Zuschauer eingewählt hatten. Wir konnten direkt in ihre Wohnzimmer gucken. Da es durch den Stream zu einer gewissen Verzögerung kam, konnten die Leute nicht wirklich mitsingen und reagierten immer erst ein paar Sekunden später.

Malte Hoyer: Es gab vor allem drei Gründe für die Streamingkonzerte: Uns war es wichtig die Bindung zu unseren Fans nicht zu verlieren, ihnen zu zeigen, dass wir noch da sind. Zum anderen mussten wir auch irgendwie finanziell über die Zeit kommen. Und natürlich wollten wir auch weiterhin live spielen.

Warum war diese Art von Konzert finanziell für Sie so wichtig?

Eike Otten: Die Verkäufe der CDs sind im Keller, über Streaming ist im Vergleich zu CDs deutlich weniger zu erreichen. Davon könnten wir nicht leben, deshalb bleibt am Ende das Touring. Das ist unsere Haupteinnahmequelle. Wenn wir nicht touren, würde es uns über kurz oder lang nicht mehr geben. Deshalb hat die Pandemie viele Bands auch so hart getroffen, weil sie nicht mehr touren konnten. Das betraf vor allem die Bands, die wenig oder gar nicht im Radio gespielt werden und damit auch über die Gema nichts einnehmen.

Wird Versengold im Radio gespielt?

Eike Otten: Leider sehr wenig. Und das, obwohl wir glauben, dass wir durchaus einige Songs haben, die ins Radio passen würden. Vielleicht liegt es daran, dass wir aus einer historischen Szene kommen. Dabei machen wir mittlerweile sogar poppige Songs mit aktuellen Texten. Aber wahrscheinlich haben wir einfach noch den Stempel von früher in vielen Redaktionen, sodass wir es nicht ins Programm der Sender schaffen.

Mit „Was kost’ die Welt“ landeten Sie erstmals auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Wie entsteht ein Album bei Ihnen?

Eike Otten: Ganz unterschiedlich. Auf dem Album, an dem wir gerade arbeiten, ist es zum einen so, dass wir als Band uns musikalische Ideen zu einem Text, den Malte uns vorgelegt hat, überlegen. Es ist aber auch so, dass jemand mit einem Gitarrenriff oder einer Melodie ankommt und Malte guckt, was textlich passen könnte. Oftmals arbeiten wir dann in Kleingruppen an einzelnen Songs …

Malte Hoyer: … bis wir in ein Haus im Harz fahren, wo wir uns für sechs Tage mit dem Produzenten zusammen einschließen. Jeder bringt dann seine Ideen, Riffs, Melodien und Texte mit und wir hören uns alles gemeinsam an. Am nächsten Tag geht es dann in eine chaotisch geordnete Songwriting-Session. Bei uns müssen alle sechs Bandmitglieder mit dem Song einverstanden sein, was nicht immer so einfach ist, da wir aus unterschiedlichen Bereichen kommen – Heavy-Metal, Rock, Pop, Folk und sogar Klassik. Das birgt einiges an Konfliktpotenzial und es werden sich auch schon mal verbal die Köpfe eingehauen. Am Ende sind wir dann aber alle zufrieden, vielleicht weil durch die Mischung auch dieser besondere Versengold-Sound entsteht.

Musikalisch hat Versengold eine Wandlung durchlebt. Einst eher dem Mittelalterrock zugetan, machen Sie heute deutschen Folkrock. Ist eine solche Wandlung eine bewusste Entscheidung oder passiert so etwas einfach?

Eike Otten: Beides. Als Sean Lang und ich 2015 in die Band eingestiegen sind, haben wir als Rockmusiker den Sound der Band natürlich beeinflusst.

Malte Hoyer: Weil wir als Band weiter Richtung Rock gehen wollten, haben wir die beiden in die Band geholt. In dem Fall war es also eine bewusste Entscheidung. Der Erfolg, den Versengold jetzt hat, war aber so nie geplant. Versengold war anfangs ein Theaterprojekt. Wir haben uns damals mittelalterliche Klamotten angezogen, waren auf kleinen Veranstaltungen und haben dafür unsere Songs geschrieben. Ich bin als Letzter von dem eigentlichen Gründungsquartett übrig geblieben. Ich habe nie ein Instrument gelernt, meine Eltern waren keine Musiklehrer und ich hatte auch nie Gesangsunterricht. Versengold ist damals aus einem Lagerfeuer-Spaßprojekt entstanden. Dass das Ganze dann diese Dimensionen angenommen hat, daran hätten wir im Traum nicht gedacht.Diese Ambitionen gab es gar nicht. Wenn mir damals mit Anfang 20 jemand erzählt hätte, dass wir 2022 auf Platz eins der Albumcharts stehen würden, hätte ich ihn ausgelacht. Als 2011 Daniel Gregory und Florian Janoske zur Band kamen und ihren Folk-Einfluss einbrachten, haben wir gemerkt, dass wir damit noch einmal ganz andere Leute erreichen können. Es stellte sich die Frage, ob wir uns weiterhin nur auf unseren Fantasiekosmos beziehen sollten, zumal es mir sowieso ein Anliegen war, gesellschaftlich aktuelle Themen in den Texten zu verarbeiten. So entwickelten wir uns stetig weiter. Dennoch haben wir versucht, nicht alles komplett zu verändern, haben beispielweise den erzählerischen Stil beibehalten. Und es gibt auch immer wieder Songs über eine Geschichte oder eine Legende. Größtenteils produzieren wir mittlerweile aber alltagstaugliche Lieder.

„Wenn mir damals mit Anfang 20 jemand erzählt hätte, dass wir 2022 auf Platz eins der Albumcharts stehen würden, hätte ich ihn ausgelacht.“

Zum 20-Jährigen soll 2023 ein neues Album erscheinen. Wird es musikalisch erneut Veränderungen geben?

Malte Hoyer: Wir wollen wieder etwas erdiger, folkiger werden. Wir haben einen Weg zwischen einem sehr ursprünglichem und einem modernen Versengold gefunden. Vielleicht haben wir zum allerersten Mal unseren richtigen Sound gefunden, wenn man das so sagen kann.

Wie ist nach dem Nummer-eins-Album von 2022 die Erwartungshaltung?

Malte Hoyer: Wir wollen natürlich wieder auf die Eins (lacht)! Es hängt auch davon ab, wer zu dem Zeitpunkt noch veröffentlicht. Gegen Helene Fischer oder Rammstein hätten wir es natürlich schwer. Und man braucht natürlich auch ein bisschen Glück.

Ein emotionaler Höhepunkt bei Ihren Konzerten ist der Song „Haut mir kein Stein“, der sehr persönlich zu sein scheint …

Malte Hoyer: Das ist er auch. Ein sehr persönlicher Text, der daraus entstand, dass ich einmal fast ums Leben gekommen wäre. Ich habe gemerkt, was die Situation mit meinen Eltern gemacht hat, und habe mich dazu entschlossen, ihnen mit dem Lied etwas zu hinterlassen. Es geht darum, mich bei meinen Eltern für mein tolles Leben zu bedanken. Und es freut mich natürlich sehr zu sehen, wie viele Leute sich damit identifizieren können. Wir haben ihn übrigens erstmals in Bremen im Bürgerhaus in Vegesack bei der „Nacht der Balladen“ live gespielt.

Apropos „Nacht der Balladen“. Mit dem Programm kommen Sie ins Metropol Theater. Was ist das Besondere an dem Format?

Eike Otten: Es ist ein Format, in dem wir unsere ruhigen Stücke vor Sitzpublikum auf die Bühne bringen. Angereichert mit Streichquartett, Gastsängerin und Percussionisten, wird das Ganze etwas pompöser. Es gibt viele nachdenkliche Songs, aber auch ein paar Kracher. Ein schöner Abend mit hoffentlich sehr schöner Musik.

Wann und wo?

Versengold treten am 7. und 8. April mit der „Nacht der Balladen“ im Metropol Theater und am 28. Juli beim „Bassum Open Air“ auf.

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