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Fotos: ZR
#Bremer Köpfe
6. Februar 2023

Unterwegs mit Taxi-Bärbel

Eingestiegen: Nachtschicht mit einem Bremer Original

Eigentlich wollte sie mal Architektur studieren, doch Geldsorgen lenkten sie in eine andere berufliche Richtung. Heute ist Bärbel Janßen Taxifahrerin, und das seit knapp 22 Jahren. Mit über 500 Stammfahrgästen ist sie mittlerweile ein echtes Bremer Original. Das STADTMAGAZIN hat die 56-Jährige eine Nacht lang begleitet.

Eigentlich wollte sie mal Architektur studieren, doch Geldsorgen lenkten sie in eine andere berufliche Richtung. Heute ist Bärbel Janßen Taxifahrerin, und das seit knapp 22 Jahren. Mit über 500 Stammfahrgästen ist sie mittlerweile ein echtes Bremer Original. Das STADTMAGAZIN hat die 56-Jährige eine Nacht lang begleitet.

460 Taxen sind aktuell laut der Abteilung der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau in Bremen unterwegs. Ein Großraumtaxi davon fährt Bärbel Janßen fast jede Nacht.

Es braucht Durchsetzungsvermögen

22 Uhr: „Ping ping!“, durchbricht ein Handyklingeln die Stille des Großraumtaxis. Bärbel Janßen lächelt und tippt auf den grünen Hörer im Display des Telefons, während dessen bläuliches Licht auf ihr Gesicht scheint: „Bremer Taxi IG, Bärbel Janßen“, sagt sie mit warmer, leicht rauer Stimme. Ein Mann spricht am anderen Ende in den Hörer, während im Hintergrund weitere Stimmen zu hören sind: „Ja hallo, können sie, tschuldigung warten sie mal einen Moment … also auf jeden Fall Aprikosenweg im Kleingartengebiet.“ In ungefähr einer halben Stunde könne sie da sein, sagt Janßen. Das dauert dem Anrufer zu lange, er möchte es lieber nochmal bei der Taxizentrale versuchen. Sie nimmt es gelassen: „Mit dem Auto käme ich eh nicht gut in das Parzellengebiet“, erklärt die routinierte Fahrerin und macht das Radio an. Dua Lipa singt über „Late Night Conversations“. Janßen ist hauptsächlich nachts auf den Bremer Straßen als Taxifahrerin unterwegs und damit eine von wenigen Frauen in diesem Beruf. „Es gibt vereinzelt ein paar Kolleginnen, aber die kannst du an einer Hand abzählen.“ Pro Abend seien ungefähr 400 Taxifahrer unterwegs. „Davon sind es maximal fünf bis sechs Frauen aus unserer Zentrale“, verrät sie. Man müsse schon eine entsprechende Persönlichkeit haben, um Taxi zu fahren, erklärt sie: „Als Püppi ohne Durchsetzungsvermögen, das geht nicht.“ Wichtig sei es, immer freundlich zu bleiben, aber bestimmt. Während sie erzählt, wackeln silberne Ohrringe mit Delfinanhängern an ihren Ohrläppchen hin und her. Die blonden Haare trägt sie zum Zopf gebunden, ein Pony umrahmt ihr Gesicht.

Bis zu 500 Stammfahrgäste

22.30 Uhr: „Ich versuche mal hier an der Wachmannstraße was zu werden“, sagt Janßen, während sie über den Kreisel am Stern fährt. Eigentlich wollte sie mal Architektur studieren, aber familiäre Schicksalsschläge und finanzielle Not hinderten sie an ihrem Traum. „Ich musste zusehen, dass ich erstmal so schnell wie möglich Geld verdiene.“ So habe sie nach der Schulzeit eine Ausbildung zur Friseurin gemacht und nebenbei Tanzkurse in Aerobic und Jazzgymnastik gegeben. Doch das Geld sei immer knapp gewesen. So gab es zu Ausbildungszeiten auch Tage, an denen sie gehungert habe.

„Die guten Zeiten fingen eigentlich erst an, als ich begann Großraumtaxi zu fahren.“ In ihrer Straße gab es damals eine Taxizentrale. Das brachte sie darauf, den Beruf auszuüben, denn Autofahren habe ihr schon immer Spaß gemacht. Passend dazu bekam sie bereits als junge Frau den Spitznamen „Heizer-Bärbel.“ Heute kann sie von ihrem Einkommen leben, was auch daran liegt, dass sie sich mit der Zeit einen großen Kreis von rund 500 Stammfahrgästen aufgebaut hat. An einem guten Abend macht sie einen Umsatz von circa 300 Euro, an einem schlechten um die 150 Euro. Anfangs überreichte sie noch ihre Visitenkarten, danach wurde es zum Selbstläufer und immer mehr Fahrgäste meldeten sich nach einer Fahrt wieder bei ihr. „Ich fahre fast nur mit Stammkunden.“

Allerdings bemerkt die Fahrerin mittlerweile einen Rückgang der Taxirufe, was sie sich durch die Zunahme von E-Rollern auf den Bremer Straßen und die regelmäßigeren Fahrten von öffentlichen Verkehrsmitteln an besonderen Tagen wie Silvester erklärt. Doch: „Meine Stammfahrgäste nutzen nach wie vor das Taxi als Transportmittel, die verliere ich deswegen nicht, ebenso wie Geschäftsleute.“ So sei sie glücklicherweise nicht so stark vom schwieriger werdenden Geschäft betroffen. Für andere Fahrer:innen im Taxigewerbe ohne große Stammfahrkundschaft werde sich diese Entwicklung weitaus negativer auswirken. „Ich gehe mal davon aus, dass viele meiner Kollegen das schon merken“, erzählt Janßen.

„Bärbel ist immer für uns da!“

95 Prozent der Straßennamen im Kopf

23.15 Uhr: Der nächste Anruf geht ein. Eine Frau möchte mit ihrem Mann in der Findorffer Kneipe „Bei Herzog’s“ abgeholt werden. Janßen startet den Motor ihrer Mercedes V-Klasse und macht sich direkt auf den Weg.

Ein Navi braucht sie längst nicht mehr, mittlerweile kennt sie 95 Prozent aller Straßennamen samt Zahlen, wie sie sagt. „Es gibt zum Beispiel die Kurfürstenallee, rechts liegen die ungeraden Zahlen stadtauswärts und links die geraden“, erklärt sie. Um alle Straßen auswendig zu können, musste sie früher eine Ortskenntnisprüfung ablegen, heute wird diese nicht mehr verlangt, wenn jemand Taxifahrer:in werden möchte. Auf dem Weg zur Kneipe tanzen draußen die weißen Lichter der Straßenlaternen am Auto vorbei.

Angekommen bei der kleinen, urigen Eckkneipe, schaltet Janßen den Motor aus und wartet geduldig auf ihre zwei Fahrgäste. Die beiden kommen zwei Minuten später mit untergehakten Armen aus dem Lokal. Die Begrüßung im Taxi fällt freundschaftlich aus, alle duzen sich. „Bärbel ist immer für uns da!“, ruft die Frau lauthals von der Rückbank. Während das Taxi über das Kopfsteinpflaster der Hemmstraße rattert, startet das Paar mit seiner Stammtaxifahrerin eine Diskussion über Baustellen und Verkehrsschilder: „Bei der Linie 28 war immer ein Umleitungsschild. Aber warum sollte das jetzt gesperrt sein, Bärbel?“, möchte die Dame wissen. Da ist sich die Fahrerin auch nicht ganz sicher. Sicher ist aber, dass sie ihre Fahrgäste auf dem schnellsten Weg nach Hause bringt.

„Manchmal nenne ich meine Fahrgäste auch Patientinnen“

1 Uhr: Regen prasselt auf die Heckscheibe des hellgelben Autos. Im Taxi riecht es nach Neuwagen. Neben dem schwarzen, lederbezogenen Lenkrad baumelt eine Diddl-Maus am Schlüssel im Zündschloss hin und her. Dieses Mal wartet Janßen hinter sechs weiteren Taxis am Hauptbahnhof. Als sie einen kleinen Schluck Wasser aus einer Plastikflasche nimmt, klingelt wieder das Handy. „Ah, der Bräutigam“, sagt sie – und zum Anrufer: „Simon, ich mache mich auf den Weg.“ Sie startet den Wagen, und fährt über den Wall in Richtung Osterdeich. „Simon heiratet morgen und war noch mit seinen Freunden unterwegs“, erzählt sie. Also einer von Janßens vielen Stammfahrgästen.

Auf dem Beifahrersitz neben ihr liegt eine schwarze Windjacke, die ein Fahrgast vergessen hat. Neben persönlichen Gegenständen lassen ihre Stammkunden ihr auch private Geschichten und Gedanken da. Das reiche von Neuigkeiten wie dem Familienzuwachs bis hin zu Streitigkeiten in Liebesbeziehungen. Worin dieses Vertrauen begründet liege? „Im Taxi sind es immer nur kurze Momente, und meine Fahrgäste müssen nichts befürchten, weil sie wissen, dass es außer mir keiner erfährt. Aber es verändert einen, weil du gerade bei alkoholischen Exzessen in die Abgründe der jeweiligen Fahrgastseele guckst“, erzählt Janßen, die von ihren Stammgästen nur Bärbel genannt wird.

In Gefahrensituationen kann sie einen Notfallknopf drücken, durch den eine Art Sammelruf in die Zentrale und an die Kolleg:innen gesendet wird. Früher habe sie sich trotzdem sicherer gefühlt, denn in den letzten Jahren habe sie vermehrt aggressives Verhalten der Fahrgäste wahrgenommen: „Erst kürzlich wurde ich beispielsweise von einem Fahrgast um die 70 ins Gesicht geschlagen, als ich von meinem Hausrecht Gebrauch machte und die Beförderung verweigerte. Bisher habe ich, nachdem ich diesen Übergriff gemeldet habe, auch noch nichts von der Polizei gehört.“

1.30 Uhr: Fünf Menschen warten am Bürgersteig auf die Taxifahrerin ihres Vertrauens. Janßen setzt den Blinker rechts und sobald sie vor ihnen stehen bleibt, wird die Hintertür schon schwungvoll von außen aufgezogen. Nacheinander setzen sich alle fünf Personen auf die schwarzen Ledersitze der Rückbank. Eine durchsichtige Plastikfolie trennt Fahrer- und Beifahrersitz vom restlichen Sitzbereich des Autos. „Hallo Bärbel! Einmal zur Kneipe bitte.“ Eine leichte Alkoholfahne zieht nach durch den Innenraum des Autos. Stolz erklärt der Bräutigam seinen Freunden: „Bärbel ist die beste Taxifahrerin der Welt“, die anderen stimmen ihm zu. Während sie kurz überlegen, ob sich ein Abstecher zur Kneipe noch lohnt, wird das Verlangen nach einem Döner geäußert. Daraufhin ruft einer der vier Freunde lallend: „Döner macht schöner und Pizza macht spitzer.“ Alle brechen in schallendes Gelächter aus, Janßen lacht mit.

„Die never ending Storys“

Menschen kennenlernen und ihre Geschichten hören – das gefalle ihr besonders an dem Beruf. „Ich nenne sie die never
ending Storys: Jeder hat sein Päckchen zu tragen, erzählt davon und beim nächsten Mal gibt es die Fortsetzung.“ Dann verkündet sie für alle hörbar: „So, zwei Uhr, für heute ist Zapfenstreich“ und ruft dem Bräutigam zu: „Simon, du hast bei der letzten Fahrt noch etwas vergessen“, während sie ihm die schwarze Windjacke aus dem Fenster reicht. „Möchtest du Zitrone oder Erdbeere von der Hochzeitstorte?“, fragt dieser beim Aussteigen und nimmt seine Jacke entgegen. „Zitrone“, antwortet Janßen. Das gibt es dann beim Wiedersehen auf der nächsten Taxifahrt.

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