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Dirk Böhling. Foto: FR
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
7. Dezember 2022

Seid ihr alle da?

Dieses Mal reist Dirk Böhling in seiner Kolumne zurück in seine Kindheitstage, brav gekämmt im Kasperletheater...

Dieses Mal reist Dirk Böhling in seiner Kolumne zurück in seine Kindheitstage, brav gekämmt im Kasperletheater...

Vor 65 Jahren feierte er seine Premiere im österreichischen Fernsehen, die Bühne betrat er aber schon viel früher. Wie für viele Kinder sorgte er auch für meine erste Begegnung mit dem Theater – lange vor dem ersten Weihnachtsmärchen „Peterchens Mondfahrt“. Bunte Plakate mit seinem Konterfei hatten seinen Besuch in der Stadt schon Wochen vorher angekündigt und in diesem Jahr war ich endlich alt genug, um auch nervös hin und her wackelnd vor der kleinen Holzbühne zu sitzen und auf ihn zu warten: „Das Kasperle ist in der Stadt“ – war das aufregend!
Da saß ich also zusammen mit brav gekämmten Michaels, Ralfs und Bernds neben artig bezopften Reginas, Petras und Susannes und den dazugehörigen erziehungsberechtigten Händchenhaltern und wartete auf sein Erscheinen. Das kündigte sich schon bei geschlossenem Vorhang durch sein unverwechselbares „Tri Tra Trullala“ an, bei dem sich bereits die ersten Kinder aufgeregt an Mama oder Papa drückten. Bei mir war es die Oma.
Kasperle hatte eine tiefe und warme Stimme und rollte das R auf der Zunge. Dann öffnete sich der Vorhang und da stand er mit langer Nase und einer roten Mütze und fragte uns, ob wir alle da wären … „Blöde Frage“, dachte ich schon damals, „er sieht uns doch!“, was mich aber nicht davon abhielt, aus einer von gut sechzig vollen Kehlen laut „Ja“ zu brüllen. Hätte meine Großmutter ein Hörgerät besessen, es wäre in diesem Moment implodiert.

Zudem gab es eine Großmutter auf der Bühne – also mit meiner schon zwei – seinen Kumpel Seppel, einen sympathisch verblödeten Wachtmeister und Gretel. Letztere hatte hellblonde Haare und Sommersprossen und es war mir trotz meiner fünfeinhalb Jahre sofort klar, dass da mit dem Kasperle was lief. Das royale Personal, also König und Prinzessin, wurde in diesem Stück nicht gebraucht und konnte sich im wahrsten Sinne noch hängen lassen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, war, dass es auch einen Räuber und ein Krokodil gab – und das war auch gut so, denn sonst wäre zu diesem Zeitpunkt schon die Hälfte des Zuschauerbänke leer gewesen. Das Spiel nahm seinen Lauf, Gretel wurde vom Räuber entführt, der Wachtmeister bat Kasperle und Seppel um Hilfe, die dann unter kreischender Mitwirkung der Zuschauerschar Gretel retteten, das Krokodil fingen und bei der Großmutter Apfelstrudel aßen – also alles eigentlich wie im richtigen Leben.
Das war er also, mein erster Theaterbesuch. Und es gibt Dinge, die sich bis heute nicht geändert haben. Noch immer überkommen mich feuchte Augen, laute Lachanfälle oder andere körperlich-emotionale Reaktionen, wenn mich Theater kriegt. Gut, das Gekreische ist weniger geworden und ich vermisse meine Oma, aber sonst …
Der Kasper ist mir dann in der Grundschule wieder begegnet, als er uns das richtige Verhalten im Straßenverkehr erklärte – dieses Mal allerdings ohne Krokodil, dafür aber mit einem etwas helleren Wachtmeister. Neulich sah ich übrigens wieder mal so ein Plakat mit der Aufschrift „Das Kasperle ist in der Stadt“ und ich bekam tatsächlich so ein leichtes Kribbeln … mal sehen, vielleicht geh ich hin!

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