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Dirk Böhling. Foto: FR
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
24. August 2022

Nepper, Schlepper ...

Baby-Boomer-Böhling

In diesem Monat wirft der Boomer einen Blick auf die Verbrecherjagd seiner Generation.

In diesem Monat wirft der Boomer einen Blick auf die Verbrecherjagd seiner Generation.

Babyboomer wissen, wie die Aufzählung weitergeht – richtig: „Bauernfänger“. Die habe ich mir als Kind immer so vorgestellt: Ein Bauer läuft in Panik über sein Feld und von drei Ecken kommen Männer, die ihn fangen wollen. Bauernfänger eben. Mit diesem Gedanken habe ich mich aber nie lange aufgehalten, schließlich galt es ja, zwielichtigen Gestalten auf die Schliche zu kommen, beziehungsweise ihnen bei ihrem bösen Tun zuzusehen. Der streng durch seine Glasbaustein-Brille blickende Mann mit dem eckigen Kopf, der mit ernstem Blick die Tricks und Hinterhältigkeiten der Diebe und Betrüger offenlegte, wurde „Ganoven-Ede“ genannt und hieß im richtigen Leben Eduard Zimmermann – in seinem vorherigen hatte er im Zirkus gearbeitet und war Ankleider von UFA-Filmschauspieler Willy Fritsch.

Die Kinder der 70er-Jahre kennen ihn aber nur als Verbrecherjäger. Schließlich präsentierte Eduard Zimmermann nicht nur die schon zitierten Bauernfänger. Er war auch der große Angstmacher meiner Generation, wenn er am Freitagabend seinen Aktenordner aufschlug. Ich glaube, ich war elf Jahre alt, als ich im Fernsehen zum ersten Mal die Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ schauen durfte – mit nachhaltigen Folgen. Vorbei der unbeschwerte Blick auf meine Mitmenschen. Plötzlich konnte jede noch so kleine Beobachtung wichtig sein, es war nicht mehr egal, wo welches Auto abgestellt war, und es konnte auch nicht schaden, sich das eine oder andere Gesicht zu merken … Schließlich war es ja ganz und gar nicht unmöglich, Zeuge einer Straftat zu werden.

Diese Sendung war wirklich sehr gemein, denn sie zeigte eben keine ausgedachten Kriminalgeschichten mit Kommissar Erik Ode, der mit Harry, Robert und Walter eine Zigarette rauchte und danach schwarz-weiße Bildschirmbösewichte fing. Nein, dort wurden echte Fälle verhandelt mit echten Menschen – toten und lebendigen. Letztere waren nicht selten auf der Flucht und so machte Zimmermann die eine Hälfte der Zuschauer zu Mitwissern und die andere zu Denunzianten.

Das Schlimmste an „XY ungelöst“ war aber die Tatsache, dass nicht alle Täter am Ende der Sendung gefasst wurden. Es kam trotz vieler Zuschauerhinweise in den Aufnahmestudios bei den Kollegen Peter Nidetzky in Österreich und Konrad Toenz in der Schweiz doch immer wieder vor, dass die Sendung hielt, was ihr Name versprach – und ungelöste Fälle hinterließ.
Das brachte meine kindliche Fantasie zu Höchstleistungen. Sagen wir es doch mal ehrlich: Jeder konnte ein Mörder sein – so sieht’s doch aus. Und wer wusste denn, wo diese Leute sich gerade herumtrieben? Nicht etwa Vorsicht oder besondere Aufmerksamkeit waren die Folge – ich hatte schlichtweg Angst. Die Angst hat sich mittlerweile gelegt, aber eines ist geblieben: Egal an welchem Autobahnrastplatz ich rechts ran fahre oder durch welches Waldstück ich gerade spaziere – immer höre ich innerlich den Satz: „… an diesem Tag machte Herr Böhling einen grausamen Fund!“ Ja, ich rechne immer noch täglich damit, irgendwo … also durch Zufall … ich meine, schließlich könnte doch wirklich …

Ich hab’ als Kind wirklich zu viel Fernsehen geguckt!

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