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Dirk Böhling. Foto: FR
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
7. Dezember 2022

Gnadenlose Spitznamen

Baby-Boomer-Böhling

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

Es ist eine Tatsache, dass Kinder grausam sein können – vor allem untereinander. Die Gnadenlosigkeit beginnt meist schon im Grundschulalter und zeigte sich in meinen Baby-Boomer-Kindertagen vor allem in Spitznamen. Was in Erwachsenenkreisen als gut gemeinte Verniedlichung, kumpelhafte Abkürzung oder liebevoller Kosename daherkam, sah auf Schulhöfen und Bolzplätzen ganz anders aus. Die dortigen Spitznamen bezogen sich auf körperliche Auffälligkeiten, augenscheinliche Eigenschaften oder auch unübersehbare Angewohnheiten. So gab es in einem Viertel in unserer Gegend, das man am besten hätte meiden sollen, zwei große Jungen, um die man ebenfalls lieber einen größeren Bogen machte. Schließlich hatten „Spucker“ und „Klopper“ ihre Namen nicht zufällig …

Im Schlepptau hatten die beiden übrigens immer zwei Brüder: Zwillinge, die eigentlich Karsten und Thorsten hießen, aber konsequent „Kadde“ und „Thodde“ genannt wurden. Warum, das wusste eigentlich keiner, es wurde aber dem sprachlichen Unvermögen der beiden zugeschoben … Überhaupt bekamen viele Kinder ihre Spitznamen für Dinge, die sie entweder gar nicht oder zumindest nicht so gut konnten. So wurde ein Junge namens Thilo, der immer fettiges Haar hatte, nach einem damals berühmten Shampoo benannt und „Schauma“ getauft, „Tele“ trug eine dicke Brille und sah trotzdem nicht besonders gut und Marcus, der ein zu kurzes Bein hatte und deshalb leicht humpelte, kannte jeder nur als „Speedy“.

Später kamen dann fernsehbedingt noch Spitznamen aus der Puppenwelt wie „Krümel“, „Tiffy“, „Fozzie“ oder „Yoda“ dazu. Wohl denen, deren Spitznamen schon von vornherein feststanden. Die Ralles, Stevies, Ullis, Andis und Michas hatten Glück, obwohl das auch nicht immer stimmte, denn „Fetti Bamberger“ hieß mit Vornamen Oliver, aber sein Körperumfang hatte ihm einen Strich durch den „Olli“ gemacht. Wenn ich mich recht erinnere, bekamen in meiner Kindheit eigentlich überwiegend Jungen Spitznamen verpasst. Gut, es gab die Gabis, Susis, Monis und Biggis – aber sonst … In jedem Fall aber waren die Spitznamen der Mädchen netter als unsere. Natascha und Kirsten kamen zum Beispiel ganz gut als „Täschi“ und „Kiki“ weg, und die Schulschönheit „Bella Steinhage“ wusste natürlich, wie wir sie nannten, und bestand auch nicht auf ihre Astrid … Ganz im Gegensatz übrigens zu „Eisenfeder Schmidt“: Die wusste nichts von ihrem Titel und das durfte sie auch nicht, weil wir alle Angst vor ihr hatten.

Ich hatte in diesen Tagen keinen Spitznamen, dafür musste mein Nachname herhalten – ich habe es gehasst. Interessant war es übrigens, wie diese
Spitznamen zustande kamen. Bei den meisten wusste es keiner mehr, aber an einen Fall kann ich mich erinnern. Als wir nämlich in der Grundschule begannen bis zehn zu zählen, gab uns unsere Lehrerin den Rat, doch gelegentlich die Finger zuhilfe zu nehmen. Meinem Mitschüler Thorsten fehlten allerdings von Geburt an zwei Finger an der rechten Hand und so bekam er seinen Spitznamen „Minus“.

Da war ich mit meinem Nachnamen doch wieder ganz zufrieden!

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