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#Kolumne – Matthias Höllings
7. Dezember 2022

Alles hat ein Ende

Matthias Höllings widmet sich in diesem Monat der Fleischeslust in der deutschen Musikgeschichte.

Matthias Höllings widmet sich in diesem Monat der Fleischeslust in der deutschen Musikgeschichte.

Bei einem winterlichen Spaziergang in Bremerhaven fiel mir dort das Capitol-Kino ein, das in den 50er-Jahren der Mutter von Stephan Remmler gehörte. Stefan hatte nach seiner Zeit bei der Band Trio mit „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ einen unvergessenen Ohrwurm abgeliefert. Den Spruch hatte er, ohne die Bedeutung genau zu kennen, in seiner Jugend aufgeschnappt – vielleicht war das so ein Schnack seiner Mutter, als Sohnemann mal wieder genervt hat? Zu Hause habe ich dann natürlich sofort gegoogelt und könnte Stephan jetzt berichten, dass der Spruch aus dem Roman „Woodstock, oder: der Cavalier“ (von 1826) stammt. Dort heißt es in der deutschen Übersetzung von Florentin Leidenfrost: „Jedes Ding hat ein Ende“, sagte der Bürgermeister, „und eine Wurst hat zwei Enden“. Als das Lied von Remmler und Co. Mitte der 80er-Jahre auf einer CD erschien, fiel es nicht weiter auf. Das sollten die Singles von James Last und Gottlieb Wendehals ändern: Letzterer machte diesen Song zum Karnevalsschlager.

Auf meinem Spaziergang wusste ich das alles noch nicht, hatte jedoch überlegt, wo denn nach Stephans Logik das Ende der Wurst sein könnte? Zweimal Ende fand ich irgendwie unlogisch – und schon war ich wieder in meiner Nonsensgrübelschlaufe, von der ich aus Erfahrung wusste, dass kein gescheites Ergebnis zu erwarten ist.

Es dauerte dann auch nicht lange und ich war von der Wurst über Wurstbrot beim Brot gelandet. Gibt es da auch zwei Enden? Als ich Kind war, hat meine Mutter mir erklärt, dass beim Brotabschneiden der Anfang oder das Ende des Brotes den „Knust“ ergibt. Beim Bäcker sind diese Enden oder Anfänge jeweils Abfallprodukte, wenn er sein Brot in Scheiben verkauft. Aber wie ist es, wenn ich ein rundes Brot nehme? Habe ich dann zweimal einen Knust, wenn ich es in der Mitte durchschneide? Wahrscheinlich stammt der Ausdruck „Knust“ vom mittelniederdeutschen „Knüst“ ab, was so viel bedeutet wie „knotiger Auswuchs“. Es gibt aber auch die Bezeichnung „Ranken“, „Knapp“, „Knützje“, „Rindl“, oder „Boppes“ für dieses Randstück.

Auf meinem Bremerhavener Spaziergang wurden meine Knust-Grübeleien plötzlich an einer Fischbude beendet. Wurstbrötchen hatten sie leider nicht. Mit dem ersten Bissen in den Bismarckhering ging dann meine Grübelei wieder los: Warum heißt es bei Brötchen „Hälften“ und nicht „Knuste“? Auch nach völligem Verzehr meines Fischbrötchens kam ich zu keiner zufriedenstellenden Erklärung, fasste aber etwas frustriert einen Vorsatz für das Jahr 2022: Ab sofort kaufe ich beim Schlachter meine Lieblingswurst nur noch in Scheiben, denn alles muss mal ein Ende haben. Das muss sich damals auch Stephan Remmler gedacht haben, der seinen Hit noch einmal als rockige„Hackfleisch-Version“ veröffentlichte.

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