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#Bildung
7. Dezember 2022

„Es kann jeden treffen“

Berufsunfähigkeit: Was Beschäftigte wissen sollten

Berufsunfähigkeit: Was Beschäftigte wissen sollten

Ingo Kleinhenz ist Rechtsberater bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Foto: Stefan Schmidbauer

Ein Arbeitsunfall, eine Erkrankung oder psychische Belastungen: Die Gründe und Ursachen, warum Menschen aus ihrem Beruf ausscheiden, sind vielfältig. Wer langfristig nicht an seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann, gilt als berufsunfähig. Ein Zustand, der durch eine sogenannte Berufsunfähigkeitsversicherung finanziell kompensiert werden kann. Ingo Kleinhenz ist Rechtsberater bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Im Interview verrät er, in welchen Branchen das Thema besonders präsent ist und worauf man bei einem potenziellen Versicherungsabschluss achten sollte.

Herr Kleinhenz, Beschäftigte können sowohl arbeitsunfähig als auch berufsunfähig werden. Wo liegen die Unterschiede?

Eine Arbeitsunfähigkeit liegt vor, wenn Beschäftigte die vertraglich geschuldete Arbeitsleistung aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr erbringen können. Bei der Berufsunfähigkeit dagegen ist es so, dass Betroffene den zuletzt ausgeübten Beruf aus geistigen oder körperlichen Gründen ganz oder teilweise nicht mehr ausüben können – und das voraussichtlich langfristig. Ein wichtiger Unterschied ist folglich die zeitliche Komponente: Bei der Berufsunfähigkeit geht es um eine dauerhafte Beeinträchtigung, während die Arbeitsunfähigkeit in der Regel nur vorübergehend ist. Entsprechend benötigen Beschäftigte im Falle einer möglichen Berufsunfähigkeit eine ärztliche Diagnose, die besagt, dass der Beruf für mindestens sechs Monate zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausgeübt werden kann.

Gibt es Branchen und Berufe, in denen das Thema Berufsunfähigkeit eine besonders große Rolle spielt?

Ja, gerade dort, wo Arbeitnehmende hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, gibt es häufiger Fälle von Berufsunfähigkeit. Das betrifft insbesondere das Baugewerbe und den handwerklichen Bereich. Auch in der Landwirtschaft und im Gartenbau treten häufig Fälle auf. Hinzu kommen bestimmte Branchen, in denen psychische Belastungen sehr präsent sind und mitunter körperliche Strapazen dazukommen. Das Paradebeispiel ist die Pflege.

Sollten sich grundsätzlich alle Beschäftigte Gedanken über eine Berufsunfähigkeitsversicherung machen?

Grundsätzlich ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung für Beschäftigte empfehlenswert. Die persönliche Situation sollte trotzdem nicht außer Acht gelassen werden, schließlich verursachen die Versicherungsbeiträge auch Kosten. Eine individuelle Risikoabwägung empfinde ich ebenfalls als sinnvoll. Wichtig ist zugleich zu wissen: Es kann jeden treffen. Wer berufsunfähig wird, ist unter Umständen voll- oder teilweise erwerbsgemindert und hat zwar Anspruch auf Erwerbsminderungsrente. Doch die Leistungen, die sich daraus ergeben, sind gerade bei jüngeren Menschen und Berufsanfängerinnen und -anfängern nicht hoch, sodass die Diskrepanz zwischen dem bisherigen Verdienst und der Rentenzahlung hoch ist. In diesen Fällen würde eine Berufsunfähigkeitsversicherung helfen, diese Lücke besser zu schließen.

Was zeichnet eine gute Versicherung aus?

Vorteilhaft ist vor allem ein sogenannter abstrakter Verweisungsverzicht. Das bedeutet, dass die Versicherung nicht prüfen darf, ob Versicherte im Fall einer Berufsunfähigkeit mit den individuellen Fähigkeiten eine andere Tätigkeit ausüben können, statt Versicherungsbezüge zu erhalten. Empfehlenswert ist außerdem die Vereinbarung, dass die Rente auch rückwirkend gezahlt wird, bei verspäteter Meldung sogar bis zu drei Jahre. Zudem ist es sinnvoll darauf zu achten, das die Beitragszahlung während der Leistungsprüfung gestundet wird. Vorteilhaft ist auch ein Verzicht des Versicherers, den Vertrag zu kündigen oder Beiträge anzuheben, wenn sich herausstellt, dass Versicherte ohne persönliches Verschulden Vorerkrankungen nicht angegeben haben. Außerdem ist eine weltweite Geltung des Vertrages zu empfehlen. Darüber hinaus gibt es Versicherungen, die nicht nur die vereinbarte Rente zahlen, sondern auch die Beitragszahlungen übernehmen. Im Zuge der aktuell steigenden Inflationsraten empfiehlt es sich außerdem eine dynamische Versicherung abzuschließen, die den Kaufkraftverlust ausgleicht.

Sie wollen mehr zum Thema Berufsunfähigkeit erfahren? Die Verbraucherzentrale Bremen dazu berät ausführlich. Als Mitglied der Arbeitnehmerkammer zahlen Bremer Beschäftigte nur die Hälfte der Kosten für diese Beratung. Nähere Informationen gibt es unter:
www.verbraucherzentrale-bremen.de.

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