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Foto: Luna Zscharnt
30. April 2026

„Wann, wenn nicht jetzt? – das ist mein Mantra“

In „HEROES“ bringt Alexander Scheer David Bowie zurück – nicht als Imitation, sondern als lebendige Erinnerung

In „HEROES“ bringt Alexander Scheer David Bowie zurück – nicht als Imitation, sondern als lebendige Erinnerung

Mit „HEROES“ bringt der Schauspieler und Musiker einen außergewöhnlichen Bühnenabend auf Deutschland‑Tour. Gemeinsam mit seiner Band verwebt Scheer David Bowies Songs mit literarischen Texten – inspiriert von Bowies legendärer Liste der „100 Bücher, die mein Leben geprägt haben“. Was als Experiment am Berliner Ensemble begann, wurde in kürzester Zeit zum gefeierten Publikumserfolg. Jetzt geht „HEROES“ auf Reisen – zum Zehnjährigen von Bowies Tod und fünfzig Jahre nach seiner Berliner Phase. Ein Gespräch über Literatur, Delfine, Christa Wolf – und die Kunst, im Moment zu leben.

Herr Scheer, Sie sind bekannt dafür, sich radikal in Rollen hineinzuwühlen. Wie ist es dieses Mal bei der Bowie-Show?
Alexander Scheer: Anders als im Film bin ich auf der Bühne immer Alexander Scheer. Ich stelle Bowie nicht dar, ich verneige mich vor ihm. Es ist eine Hommage – an ihn, an seine Songs, an Berlin und an seine Liebe zur Literatur.

Der Abend nähert sich Bowies Welt über die Literatur. Wie kam es dazu?
Bowie war ein Schwamm. Er hat sich überall bedient – bei Kunst, Film, Mode, Theater, vor allem aber in der Literatur. Er hat mal eine Liste mit hundert Büchern veröffentlicht, die ihn beeinflusst haben. Als wir mit „HEROES“ anfingen, hab ich die Liste ausgedruckt und mir die Bände antiquarisch besorgt – fast tausend Euro hab ich gelassen. Jetzt reisen die Bücher mit. Wir haben eine richtige kleine Bibliothek dabei.

Haben Sie alle gelesen?
Nein, noch nicht (lacht). Aber ich bin dran. Manchmal schlage ich einfach ein Buch auf, lese ein paar Sätze, und erstaunlicherweise passt der Text immer. Es geht um diesen Moment: wann, wenn nicht jetzt. Christa Wolf schreibt das in „Nachdenken über Christa T.“ – und dieser Satz ist fast wie ein Mantra für mich und für den Abend.

Christa Wolf steht als einzige DDR‑Autorin auf Bowies Leseliste. Warum berührt Sie das so?
Weil’s sehr persönlich ist. Als wir mit den Proben begannen, hab ich meine Mutter besucht. In ihrem Regal stand die Erstausgabe von „Nachdenken“ über Christa T. – mit der Widmung „Margitta Scheer, Juni 1976“. Ich bin am 1. Juni 1976 geboren. Wahrscheinlich hat sie das Buch gelesen, während sie mich stillte. Ich hab Christa Wolf also mit der Muttermilch aufgesogen. Und im selben Sommer zog Bowie nach Schöneberg. Ich war also ein paar Wochen vorher da. (lacht)

In „HEROES“ erzählen Sie auch, woher die berühmten Delfine im Song stammen.
Ja, das ist eine meiner Lieblingsgeschichten! Die Zeile „I wish I could swim …“ stammt aus dem Buch „A Grave for a Dolphin“ von Alberto Denti di Pirajno , das auf Deutsch „Das Mädchen auf dem Delfin“ trägt. Eine wilde Sammlung aus Piratengeschichten, Liebe und Magie. Bowie liebte das Buch und hatte sich sogar einen Delfin auf der Wade tätowieren lassen. Als er in Berlin im Studio an „Heroes“ arbeitete, erinnerte er sich daran. So schließt sich der Kreis – und solche Fäden spinnen wir in der Show weiter.

Das klingt nach viel Raum für Improvisation. Wird jeder Abend anders?
Unbedingt. Ich bin kein Freund von Reproduktion. Ich möchte nicht jeden Abend dasselbe runterspulen. Wenn’s gut läuft, überrascht man sich selbst. Das Publikum spürt das. In Berlin war’s irre, in Hamburg tanzte sogar die Elbphilharmonie. Aber jeder Raum ist anders, jede Akustik, jedes Publikum.

Was fasziniert Sie persönlich an Bowie am meisten?
Sein Mut zur Veränderung. Er hat permanent die Richtung gewechselt. Wenn die Plattenfirma sagte: „Mach doch nochmal die Soulplatte, die lief so gut“, sagte er: „Nee, das kennen wir doch schon.“ Immer wieder Neues auszuprobieren, das ist für mich große Kunst. Und das berührt mich, weil’s auch mein Lebensmotto ist: Neugierig bleiben.

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