„polaroids:rewind“: Mehr als eine Wiederaufnahme
Choreograf Samir Akika und Dramaturg:in Anna K. Becker über die Rückkehr eines Bremer Kultabends
Mit dem Stück „polaroids:rewind“ bringt das Theater Bremen im Oktober eine neue Version eines Tanztheaterstücks zurück, das längst Kultstatus genießt. Choreograf Samir Akika und Dramaturg:in Anna K. Becker erzählen, warum es dabei nicht um Nostalgie geht, weshalb sich das Publikum frei durchs Haus bewegen darf und was sie an der Kunst der 70er- und 80er-Jahre bis heute reizt.
„polaroids:rewind“ ist die neue Version eines Abends, der seit der ersten Inszenierung von 2017 Kultstatus genießt. Was ist dieses Mal anders?
Anna K. Becker: Es ist keine einfache Wiederaufnahme. Das Stück arbeitet stark mit den Persönlichkeiten der Beteiligten, deshalb verändert es sich automatisch mit jedem neuen Ensemblemitglied. Fast zehn Jahre nach der ersten Version interessiert uns außerdem: Was hat sich in der Welt verändert, was bei uns – und wie schauen wir heute auf dieses Material?
Samir Akika: Ich wollte den Spirit der ersten Arbeit behalten, aber nicht kopieren. Mich interessiert, was jetzt mit diesem Ensemble entsteht. Es bringt eigene Ideen, Erfahrungen und Fähigkeiten mit.
Welcher Spirit bestimmt das Stück?
Akika: Es geht nicht nur darum, zu zeigen, was jemand tänzerisch kann. Uns interessiert auch, was die Performer:innen darüber hinaus mitbringen – ob sie schreiben, malen, Musik machen oder auf andere Weise etwas von sich zeigen wollen. Wir möchten ihnen Raum geben, nicht nur als Tänzer:innen aufzutreten, sondern als ganze Personen sichtbar zu werden.
Becker: Uns interessiert genau dieses Aufbrechen von Zuschreibungen. Wer bestimmt eigentlich, was jemand besonders gut kann, was Kunst ist oder wie ein Theaterabend auszusehen hat?
Das Stück bezieht sich auf die Kunst- und Subkultur der 70er- und 80er-Jahre. Was fasziniert Sie daran?
Becker: Diese Zeit hatte etwas Demokratisches. In New York entstanden in leerstehenden Räumen, Clubs und Off-Orten ganz neue Formen zwischen Musik, Performance, Bildender Kunst und Nachtleben. Da wurde vieles infrage gestellt: die Vorstellung von Virtuosität, die Autorität einzelner Genies und auch der Kanon selbst. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, wer etwas perfekt beherrscht oder wer überhaupt das Recht hat, sich Künstler:in zu nennen, sondern auch darum, wer sichtbar wird, wer Räume besetzt und wer mit welchen Mitteln überhaupt Kunst machen kann.
Akika: Mich interessiert daran vor allem diese Energie, einfach etwas zu machen, ohne auf Erlaubnis zu warten. Also nicht zu denken, ist das jetzt schon gut genug, darf ich das, bin ich dafür die richtige Person – sondern erst einmal loszulegen. In diesem Impuls steckt Freiheit, aber auch Vertrauen. Genau diesen Mut wollten wir auch in die Arbeit mit dem Ensemble bringen.
Was erwartet das Publikum konkret?
Akika: Das Publikum ist an diesem Abend ziemlich frei. Es kann sich bewegen, unterschiedliche Räume im Haus erkunden und sogar in den Keller gehen. Statt durchgehend auf einem festen Platz zu sitzen, lässt sich der Abend aus verschiedenen Perspektiven erleben.
Becker: Es passieren viele Dinge gleichzeitig. Niemand wird exakt denselben Abend erleben. Manches verpasst man, anderes entdeckt man zufällig. Gerade das ist Teil des Konzepts.
Geht es darum, das Publikum zu provozieren?
Becker: Nicht um des Schocks willen. Es geht eher um Irritation, Überraschung und die Frage: Gehört das hierher?
Akika: Es geht um Nähe. Wir wollen keinen Abend, der das Publikum auf Distanz hält. Es soll eher das Gefühl entstehen, gemeinsam einen Moment zu erleben.
Warum passt die „polaroids“-Reihe so gut nach Bremen?
Becker: Weil es hier eine Offenheit für Experimente gibt. Bremen hat Neugier, aber nicht dieses Gefühl, schon alles gesehen zu haben. Das ist ein gutes Publikum für so einen Abend.
Akika: Ich würde sagen: weil das Ensemble hier so vielfältig ist. Diese Unterschiedlichkeit in Biografien, Ausdrucksformen und Erfahrungen ist ein großer Reichtum.