„Leicht abgewetzt, aber tierisch gut drauf!“
Madsen im Interview zur aktuellen Bandphase und zum Album-Release
Mitte Juli wird es auf der Seebühne laut, herzlich und nachdenklich: Die Band Madsen kommt im Rahmen ihrer „Smile“-Tour in die Hansestadt und präsentiert ihr neues, mittlerweile zehntes Album. Mit 20 Jahren Bandgeschichte, einer ganz eigenen Herangehensweise und viel Energie im Gepäck versprechen Sebastian und Sascha Madsen ein mitreißendes Konzert direkt am Wasser. Im Interview sprechen die Brüder aus dem Wendland über den DIY-Geist der neuen Platte, Konflikte und Zusammenhalt in der Band, politische Verantwortung und die Vorfreude auf Bremen.
Das neue Album „Smile“ ist komplett selbst produziert. Wie kam es dazu?
Sebastian Madsen: Beflügelt hat uns der Gedanke, dass noch mehr Verantwortung bei uns selbst liegt. Wir haben das Album nicht klassisch im Studio aufgenommen, sondern alles in unserem Proberaum, genau da, wo wir sitzen – und immer dann, wenn wir Lust dazu hatten. So ist ein Album entstanden, das komplett von uns stammt. Mittlerweile machen wir alles selbst: vom Management bis zur Plattenfirma.
Welche Vorteile bringt das mit sich?
Sascha Madsen: Wir konnten so total flexibel arbeiten und wie es uns passt: mal zwei Wochen am Stück, dann zwei Monate gar nicht. „Smile“ zum Beispiel war ein Nachrücker – als wir dachten, wir sind fertig, kam Sebastian noch mit diesem Song um die Ecke. Das Album ist sehr nach Gefühl entstanden.
In vielen Madsen-Songs halten sich Leichtigkeit und Tiefgründigkeit die Waage. Wie finden Sie diese Balance?
Sebastian: Gegensätze gehören zusammen, und auch auf einem Konzert funktioniert eine Ballade besser, wenn davor ein paar härtere Songs kommen. Das macht es interessant. Wir hatten im letzten Jahr ein kompliziertes Bandjubiläum, das hat uns beschäftigt.
Was waren die Herausforderungen?
Sascha: Wir sind älter geworden, alle haben ihre eigenen Alltagsrealitäten, teils mit Familie und neuen Aufgaben. Das eigene Label bringt noch mehr Verantwortung. Wir mussten über die Kernstrukturen sprechen, Aufgaben neu benennen und erlernen – und es gab Fehler, die wir von uns nicht kannten. Bei uns Brüdern ist alles voller Befindlichkeiten, man nimmt vieles persönlicher. Wir haben mehr geredet als Musik gemacht, aber mittlerweile haben wir alle unseren Platz gefunden.
Das Musikvideo zum Song „Neue Erinnerung“ transportiert eine gewisse Nostalgie und Aufbruchstimmung gleichzeitig. Wo haben Sie das gedreht?
Sascha: Das Video haben wir in Sizilien aufgenommen, mit einem Regisseur und einem Kameramann, der dort Wurzeln hat. Es war eine tolle Woche, und fast wichtiger als das Video war, gemeinsam abzuhängen.
In den Madsen-Songs schwingt fast immer Optimismus mit. Was steckt dahinter?
Sebastian: Die Welt ist kompliziert, überall Krieg und Rechtsruck. Trotzdem sehnen wir uns im Kern nach Optimismus und versuchen diesen zu bewahren. Das gelingt nur, wenn man sich auch den Problemen stellt und trotzdem mit einem Lächeln rausgeht.
„Auf die Barrikaden“ hat eine politische Botschaft und bekam viel Gegenwind. Was ist passiert?
Sebastian: Wenn wir ein politisches Lied rausbringen, gibt es Reaktionen, das war immer so. Besonders heftig wurde es, als wir ein Video mit einem Kinderchor gedreht haben. Die Kinder wurden online angegriffen, Eltern und Lehrende ebenfalls, und uns wurde Gewalt angedroht. Wir mussten Anzeigen erstatten und haben die Videos zum Schutz der Kinder gelöscht. Ich habe dazu ein ausführliches Statement veröffentlicht, um ein klares Zeichen zu setzen.
Sascha: Wir haben daraufhin auch viel Solidarität erlebt, den sogenannten Lovestorm. Das Ganze zeigt, wie wichtig es ist, aufeinander aufzupassen und sich gegenseitig zu unterstützen.
In „1995“ blicken Sie auf Ihre eigene Jugend zurück. Sehen Sie Unterschiede zur heutigen Jugend?
Sebastian: Ich glaube, unsere Jugend unterscheidet sich nicht groß. Es gibt tolle, engagierte junge Menschen heute, etwa bei Fridays for Future und den Prüf-Demos. Das erinnert mich an unsere Gorleben-Demos früher. Ein bisschen Nostalgie steckt sicher in „1995“. Der Song und das dazugehörige Video sind aber auch eine schöne Erinnerung an unsere Jugend und an das, was uns geprägt hat.
Im Juli steht das Konzert auf der Seebühne Bremen an. Sie waren bisher noch nicht da – wie bereiten Sie sich auf solche besonderen Locations vor?
Sascha: Wir haben uns Fotos angeschaut und dachten: „Mensch, ist das schön, da waren wir noch nie!“ Wir freuen uns sehr drauf.
Macht Open Air einen Unterschied?
Sebastian: Die Luft ist besser, das ist gesünder (lacht). Ansonsten ist jedes Konzert für uns gleich wichtig: Es könnte das erste oder letzte sein – wir versuchen, immer das Allerbeste daraus zu machen.
Gibt es ein Bild, das Madsen 2026 am besten transportiert?
Sascha: Eigentlich das Plattencover: das M, ein bisschen schäbiges Gaffertape. Das ist gerade genau die Band: leicht abgewetzt, aber tierisch gut drauf!