„Hundeheimat“
Don Pablo Mulemba über sein Buch und die Frage nach Zugehörigkeit
In seinem ersten Buch „Hundeheimat“ erzählt der Journalist, Reporter und Podcaster Don Pablo Mulemba vom Aufwachsen als Sohn eines angolanischen Vaters und einer ostdeutschen Mutter in Brandenburg – und von den Fragen nach Zugehörigkeit, Herkunft und Heimat. Im Gespräch mit dem STADTMAGAZIN Bremen erklärt er, warum er seine Geschichte nicht auf Rassismuserfahrungen reduzieren will, was ihn beim Schreiben überrascht hat und weshalb sich in seinem Buch weit mehr Menschen wiederfinden, als man auf Anhieb vermuten würde. Mulemba liest im November in der Kesselhalle des Kulturzentrums Schlachthof.
Mit „Hundeheimat“ erzählen Sie eine sehr persönliche Geschichte. Warum war jetzt der richtige Moment für dieses Buch?
Um ehrlich zu sein: Das hat sich einfach ergeben. Den Anstoß hat ein guter Freund gegeben, Hendrik Bolz, der meinte, ich solle meine Geschichte aufschreiben. Dann habe ich ein Exposé geschrieben, der Verlag fand das relevant und interessant genug – und so ging es los. Ob ein Buch etwas auslöst, merkt man ja oft erst hinterher, wenn Menschen darauf reagieren.
Im Buch geht es um Ihr Aufwachsen in Brandenburg. Was waren prägende Momente?
Ich würde gar nicht einzelne Momente herausgreifen wollen. Es war eher eine Lebensrealität, die viele Fragen aufwirft. Ich bin in einer strukturschwachen Region aufgewachsen, in einem Klima, in dem Perspektivlosigkeit und Armut für viele Menschen zum Alltag gehörten. Damals erschien uns vieles normal – etwa, dass viele Menschen arbeitslos waren. Erst rückblickend merkt man, wie sehr einen das geprägt hat und wie sehr man sich später fragt: Was hat diese Zeit eigentlich mit mir gemacht?
Und was hat sie mit Ihnen gemacht?
Sie hat mich natürlich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich habe dadurch einen bestimmten Blick auf gesellschaftliche Fragen entwickelt. Wenn heute über Sozialleistungen und Kürzungen gesprochen wird, schaue ich anders darauf,
weil ich aus meiner Kindheit weiß, wie sich soziale Ungleichheit anfühlt. Meine Eltern haben ihr Leben lang gearbeitet, und trotzdem hatte ich früh das Gefühl, dass es nicht fair zugeht. Solche Erfahrungen schärfen den Blick.
Rassismuserfahrungen gehören zu Ihrer Geschichte, stehen aber nicht im Zentrum des Buches. Warum?
Weil ich nicht meine Rassismuserfahrungen bin. Ich bin in erster Linie ein Mensch. Natürlich spielt das eine Rolle, natürlich gibt es diese Erfahrungen – aber ich möchte meine Geschichte nicht zu einer einzigen Geschichte über rechte Gewalt machen.
Sonst passiert schnell dieses Framing: Da ist der Osten mit seinem Problem, und anderswo gibt es die nicht. Aber das stimmt nicht. Menschen machen solche Erfahrungen
auch in Bremen oder München. Mir ist wichtig, Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen, nicht Unterschiede.
Welche Gemeinsamkeiten sind das?
Dass Menschen sich in Geschichten wiederfinden können, auch wenn sie auf den ersten Blick einen ganz anderen Hintergrund haben. Bei Lesungen kamen weiße Menschen auf mich zu und sagten: Ich habe keine Rassismuserfahrung, aber ich habe mich in Ihrem Buch trotzdem gesehen. Und ich denke dann: Natürlich! Ich bin ja auch nicht zuerst Schwarz, sondern zuerst ein Mensch. Wir alle kennen Trauer, Schmerz, Glück, Hoffnung, Liebe. Wenn ein Buch ein Raum sein kann, in dem Menschen sich begegnen
und Gemeinsamkeiten entdecken, dann finde ich das gerade heute sehr wichtig.
Hat sich Ihr Blick auf sich selbst durch das Schreiben verändert?
Ja, auf jeden Fall. Das Schreiben war in vieler Hinsicht heilsam. Ich habe zum Beispiel über Männlichkeitsbilder nachgedacht, die ich in den frühen 2000er-Jahren mitbekommen habe, und darüber, was das mit meinem Denken gemacht
hat. Das Buch war also nicht nur ein Blick auf Gesellschaft, sondern auch ein Versuch, mich selbst ehrlicher zu betrachten.
Wie begreifen Sie Heimat?
Nicht als festen Ort, sondern als etwas, das dort entsteht, wo Lebensgeschichten stattfinden und sich überschneiden. Deshalb ist die Frage nach Heimat für mich auch nie nur geografisch. Sie hat immer mit Menschen, Erfahrungen und Verbindungen zu tun.