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#Bremer Orte
23. Mai 2024

Wenn Kinder trauern

Der Bremer Verein „Trauerland“ bietet Familien Unterstützung bei Schicksalsschlägen

Kindern und Jugendlichen, die eine angehörige Person verloren haben, einen Raum für ihre Gefühle zu geben, das ist die Idee des Vereins „Trauerland“. Ins Leben gerufen hat sie die Sozialpädagogin Beate Alefeld-Gerges.

Kindern und Jugendlichen, die eine angehörige Person verloren haben, einen Raum für ihre Gefühle zu geben, das ist die Idee des Vereins „Trauerland“. Ins Leben gerufen hat sie die Sozialpädagogin Beate Alefeld-Gerges.

Hell, bunt und einladend: Wer die Räumlichkeiten des Bremer Vereins „Trauerland“ erstmalig betritt, denkt vermutlich an vieles, aber nicht an Kummer und Traurigkeit. Erst bei genauerem Hinsehen wird klar, was hier in der Schwachhauser Heerstraße Thema ist. „Mama, ich vermisse dich“, steht handgeschrieben auf einem der vielen bunten Zettel, die am sogenannten Trauerbaum im Eingangsbereich hängen. In kleinen Regalen stehen Kinderbücher mit Titeln wie „Opas Reise zu den Sternen“ und „Weil du mir so fehlst“. Kindern und Jugendlichen, die eine angehörige Person verloren haben, einen Raum für ihre Gefühle zu geben, das ist die Idee des Vereins „Trauerland“. Ins Leben gerufen hat sie die Sozialpädagogin Beate Alefeld-Gerges. „Ich habe früher im Kinderheim gearbeitet und gemerkt, dass es viele junge Menschen gibt, die durch Tod betroffen sind, aber wenig Raum dafür haben“, erzählt sie.

Nach einem halbjährigen Praktikum im US-amerikanischen Dougy-Center, einer Institution, die schon seit 1986 mit trauernden Kindern arbeitet, beschloss
Alefeld-Gerges, ein solches Konzept auch in ihrer Heimat umzusetzen. „In Deutschland gab es zu dieser Zeit nichts Vergleichbares und keine Institutionen, die sich diesem Thema annahmen.“ Eine Bestandsaufnahme, die die Sozialpädagogin so nicht stehen lassen wollte: 1999 gründete Alefeld-Gerges, die selbst in jungen Jahren ihre Zwillingsschwester verloren hat, das „Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche“ in Schwachhausen. Was im Kleinen begann, hat sich über die Jahre zu einer etablierten Anlaufstelle mit Netzwerkcharakter entwickelt. Bis zu 148 Kinder und Jugendliche finden aktuell einen Platz in den insgesamt 13 Trauergruppen des spendenfinanzierten Vereins, der seine Aktivitäten seit 2009 unter dem Namen „Trauerland“ bündelt. Neben einer Außenstelle in Verden gibt es Kooperationen mit Partnern in Osterholz-Scharmbeck sowie in Belm bei Osnabrück. Alefeld-Gerges: „Wo ‚Trauerland‘ draufsteht, steckt auch ‚Trauerland‘ drin.“

Beate Alefeld-Gerges ist Gründerin des Vereins „Trauerland“. 2017 erhielt sie für ihren Einsatz das Bundesverdienstkreuz. Foto: FR

„Trauer ist individuell“

Die Gründerin weiß: Kinder trauern anders als Erwachsene. „Als erwachsener Mensch bestimmt die Trauer oft den Alltag, man verliert die Fähigkeit im Hier und Jetzt zu leben“, sagt sie. Kinder seien da emotional deutlich sprunghafter. „Sie springen in ihre Trauer rein und wieder raus“, beobachtet Alefeld-Gerges. „In einem Moment sind sie traurig, in einem anderen wollen sie wieder Spaß haben.“ In jedem Fall ist sich die Sozialpädagogin sicher: „Kinder haben die Kraft und Ressourcen, einen solchen Schicksalsschlag zu überstehen. Man muss sie nur richtig begleiten.“ Trauerbegleitung lautet folglich auch das von Beate Alefeld-Gerges selbstgewählte Schlagwort, das das Angebot des Vereins am besten beschreibt. Spielen, Lachen, Rückzug, Weinen: Die 90-minütigen Treffen der verschiedenen Trauergruppen, die in 14-tägigem Rhythmus stattfinden, nutzen die Kinder und Jugendlichen unterschiedlich. „Trauer ist individuell“, weiß Alefeld-Gerges. „Daher gilt es herauszufinden, was das einzelne Kind in seiner Situation braucht.“ Würden einige Kinder den erlebten Verlust bewusst und regelmäßig thematisieren wollen, würden andere kaum ein Wort darüber verlieren. „Gerade wenn zu Hause schon viel Traurigkeit herrscht“, sagt die Expertin, „ist der Wunsch nach Ablenkung oft groß.“ Der Gründerin ist es wichtig zu vermitteln: Eine Unterteilung in Richtig und Falsch ist im Trauerprozess unangebracht.

„Die Kinder werden hier nicht einfach zum Trauern abgegeben.“

Doch nicht nur Kinder und Jugendliche finden in der Schwachhauser Heerstraße wortwörtlich Raum für ihre Gefühle. Auch Eltern und andere enge Angehörige profitieren von dem Angebot und den Erfahrungswerten des Teams. „Wir folgen einem systemischen Ansatz“, erklärt Alefeld-Gerges. „Die Kindern werden hier nicht einfach zum Trauern abgegeben. Wir holen die ganze Familie ins Boot.“ Und das aus gutem Grund: Die Expertin weiß, dass Ansprüche und Bedürfnisse in der Trauerbewältigung oft so unterschiedlich sind, dass die Vorstellung eines gemeinsamen Trauerns nicht realisierbar ist.

Aus diesem Grund sei man bei „Trauerland“ bemüht, individuelle Bedürfnisse im Blick zu haben. Während Kinder und Jugendliche in den Trauergruppen zusammenkommen, haben ihre Bezugspersonen die Möglichkeit, sich in den parallel stattfindenden Angehörigentreffen auszutauschen. „Das trägt oft zur Entspannung bei“, sagt Alefeld-Gerges. „Außerdem erhalten wir so wertvolle Einblicke und können weitere Unterstützung initiieren, wenn wir feststellen, dass eine Familie extrem ins Wanken gerät.“ Mehrere Jahre, wenige Monate: Der Zeitraum, in dem Betroffene von „Trauerland“ begleitet werden und Unterstützung erfahren, sei sehr unterschiedlich. Alefeld-Gerges: „Wir setzen kein Limit.“

„Mama, ich vermisse dich“ ist auf einem Zettel am sogenannten Trauerbaum zu lesen. Foto: FR

Vielfältig aufgestellt

Um Kindern und Angehörigen die bestmögliche Unterstützung in Krisenzeiten bieten zu können, ist gut ausgebildetes und entsprechend sensibilisiertes Personal wichtig. Entsprechend vielfältig präsentiert sich das Team von „Trauerland“. Sozialpädagog:innen und Psycholog:innen arbeiten im Verein Hand in Hand mit rund 130 Ehrenamtlichen, die sich vor allem in den Kindertrauergruppen engagieren. „Auf etwa zwölf Kinder in einer Trauergruppe kommen sechs bis acht Erwachsene“, sagt Alefeld-Gerges und macht klar: „Diese intensive Betreuung könnten wir ohne ehrenamtliche Unterstützung professionell nicht leisten.“ Um die freiwilligen Helferinnen und Helfer bestmöglich auf ihre Arbeit vorzubereiten, werden sie im Vorfeld von den Fachkräften des Vereins geschult. Zudem gebe es regelmäßige Vor- und Nachbesprechungen, um den eigenen Gefühlen Luft zu machen und zugleich konkrete Situationen nachträglich noch einmal zu besprechen. Negative Gefühle würden dabei jedoch in der Regel nie die Oberhand gewinnen: „Die Arbeit bei ‚Trauerland‘ ist sehr sinnstiftend“, sagt Alefeld-Gerges. „Sie bestärkt und gibt mir und uns persönlich sehr viel.“

Tag der offenen Tür am 28. April

Am Freitag, 28. April, lädt der Verein „Trauerland“ von 15.30 bis 17.30 Uhr zum Tag der offenen Tür in die Schwachhauser Heerstraße 268a ein. Interessierte haben an diesem Tag die Möglichkeit, mehr über das Thema Kindertrauer und das kostenfreie Hilfsangebot zu erfahren.

Nähere Infos: www.trauerland.org

Bildungsauftrag von „Trauerland“

Polizei, Schulen, Kindergärten: Um auch andere Menschen im Umgang mit trauernden Kindern zu schulen, arbeitet „Trauerland“ mit verschiedenen Institutionen zusammen. In Form von Seminaren, Vorträgen und Workshops lassen die Mitarbeitenden des Vereins Fachkräfte, die in ihrem beruflichen Alltag mit Kindern zu tun haben, an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben und vermitteln wertvolles Wissen und praktische Tipps.

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