Vom Kinder- zum Turmzimmer
Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an die Zeit von Hi-Fi-Türmen im einstigen Kinderzimmer.
Es geschah nach der Konfirmation, zu Weihnachten, zum Geburtstag und in seltenen Fällen auch einfach so. Zum Beispiel, wenn man den Weltspartag nutzte, um das Sparbuch zu leeren, statt den Inhalt des Porzellanschweins darauf einzuzahlen. Oder wenn Oma so verzückt über die Zwei in Mathe war, dass es direkt zum Ferienbeginn eine unerwartete Finanzspritze gab. Wie unterschiedlich die Anlässe auch sein mochten, das Gefühl war bei allen dasselbe: Endlich!
Endlich wanderte der kleine Kassettenrekorder mit dem roten Aufnahmeknopf und der Aufschrift „REC“ nebst Überspielkabel und Abenteuer-Kassetten von „EUROPA“ ins Kinderzimmer der jüngeren Geschwister, und dann wurde Platz gemacht im Billy-Regal. Manchmal wurde das dazugehörige Audio-Rack gleich mit angeschafft. Und da stand er, der neue Hi-fi-Turm, vorne mit „ei“ und hinten mit „i“.
Plattenspieler, Verstärker, Kassettendeck, möglichst mit Kassettenwechsler und natürlich Boxen! Eltern, deren Schlafzimmer direkt an das neue Raumklangwunder grenzten, spendierten dazu einen Kopfhörer. Und da war es, dieses „Endlich!“-Gefühl! Endlich seine eigenen Platten hören und die von Freunden auf Kassette aufnehmen, endlich Mix-Tapes für den Schwarm zusammenstellen und das selbst aufgenommene Kassettenarchiv katalogisieren, endlich stundenlang die kreativ und fantasievoll gestalteten Plattencover der LPs anschauen und die dazugehörigen Geschichten in der BRAVO lesen …
Mit dem Einzug der Hi-fi-Türme in die Kinderzimmer zog ein großes Stück Freiheit und Erwachsenwerden mit ein, und es begann ein neues Zeitalter in den eigenen vier Wänden. Der schwarze Block-Sound änderte das gesamte Ambiente unseres einstigen Spieleparadieses.
99 Prozent der Kuscheltiere fanden auf dem Dachboden eine neue Heimat, ebenso wie Lego-Kisten, Fischertechnik, Barbie und Big Jim. Das Bett wurde mit neuen Stoffkissen und Wolldecken tagsüber zum Sofa, und die Zeichentrickfilm-Aufkleber mussten mühsam von Schreibtisch und Kleiderschrank abgeknipst oder mit klaren Botschaften wie „Atomkraft? Nein, danke!“ oder dem „Rolling Stones“-Zungen-Logo überklebt werden. Auch der Wandschrank unserer Zimmer erfuhr in diesen Tagen eine Renovierung. Wo früher niedliche Kleintiere neben Winnetou oder Pippi Langstrumpf zu uns herunterlächelten, hielt der Tesa-Film nun Anti-Kriegs-Motive, Filmplakate von „Bilitis“ und „Das Boot“ sowie Poster von weiblichen und männlichen Rock- und Pop-Idolen an der Raufasertapete fest.
Ein Setzkasten mit kleinen Dingen mit Symbolik oder eine Korkwand mit angepinnten Zettelchen schmückten den Raum, und über Plastikpferdehof und Spielteppich mit Matchbox-Autos wurde kein Wort mehr verloren. Das Taschengeld blieb zu Teilen in Schallplattenläden, und während die Sammlung von LPs und Singles im Jugendzimmer wuchs, stieg im Sanitärbereich die Anzahl an Pickel-Cremes, Deorollern und Apfel-shampoo-Fläschchen. Mal ehrlich: Hätten Sie gedacht, was alles an so einem schnöden Hi-fi-Turm dranhängen
konnte?