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Foto: Frank Thomas Koch
1. September 2026

Verbrechen mit Bodenhaftung

Autorin Martha Bull verbindet in ihren Krimis psychologisches Gespür, historische Themen und Lokalkolorit

Autorin Martha Bull verbindet in ihren Krimis psychologisches Gespür, historische Themen und Lokalkolorit

Wenn Martha Bull über das Schreiben spricht, klingt das nach einem Prozess, der sich nur begrenzt steuern lässt. Ideen, sagt die 76-jährige Bremer Autorin, kämen „wie aus heiterem Himmel“. Sie setze sich nicht hin und beschließe, nun ein Buch über Aberglauben, Familiengeschichte oder historische Schuld zu schreiben. Stattdessen halte sie erst einmal fest. „Im Sommer bin ich draußen und sammle Eindrücke. Ich komme mir dann vor wie ein Bienchen“, sagt Bull. Geschrieben werde später, meist im Herbst. Dann allerdings sehr konzentriert: „Wenn es mich anspringt, lege ich los.“

Amulett mit magischer Wirkung

Aus diesem Rhythmus ist nun „Das zweite Medaillon“ entstanden, der mittlerweile bereits siebte Band ihrer Reihe um Dörthe Petersen. Die Hauptfigur, eine Nachbarschaftshelferin mit Gespür für Menschen und ihre Abgründe, bekommt darin ein Päckchen von einem entfernten Verwandten. Darin: ein Medaillon aus dem Nachlass ihrer italienischen Großmutter. Was zunächst wie ein Erinnerungsstück wirkt,
entwickelt sich rasch zum Ausgangspunkt eines gefährlichen Falls. Es gibt weitere Interessierte für das Schmuckstück – oder für ein identisches zweites Medaillon. Vielleicht sind es sogar zwei Amulette, denen magische Wirkung zugesprochen wird. Dörthe gerät in ein Netzwerk aus Silberdieben, dubiosen Jägern und tödlichen Interessen. Die leitende Frage des Romans: Führt eine Tat von 1919 zu einem Mord im Jahr 2025?

Vergangenheit als treibende Kraft

Für Bull ist das mehr als ein kriminalistischer Aufhänger. „Mir ist dieser historische Aspekt wichtig, gerade in unserer schnellen Zeit, in der oft vergessen ist, was vorgestern war“, sagt sie. „Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahr:innen, müssen mit ihren Taten leben, im Guten wie im Schlechten.“ Dass sich dieser Gedanke durch den Roman zieht, hat mit ihrem eigenen Blick auf die Welt zu tun.

Bull hat Politik, Deutsch und Geschichte studiert und bezeichnet sich selbst „im Prinzip“ als Historikerin. Sie denkt Gegenwart selten ohne Vergangenheit, sondern sucht nach Zusammenhängen und Nachwirkungen.

Der Mensch im Fokus

Gerade darin unterscheidet sich ihre Arbeit von klassischer Krimimechanik. Denn Bull interessiert sich weniger für Polizeiarbeit, Verhörtechniken oder Dienstgrade als für Motive und Beziehungen. „Was bringt Menschen dazu, das zu tun, was sie tun?“, sei für sie die entscheidende Frage. Die reine Kriminalhandlung sei ihr „relativ egal“, sagt sie, „mich interessiert mehr das Menschliche“. Das bedeutet nicht, dass Spannung keine Rolle spielt. Aber sie entsteht bei Bull weniger aus technischer Ermittlungsarbeit als aus Psychologie, Atmosphäre und den Reibungen zwischen den Figuren. Auch Dörthe Petersen ist deshalb keine klassische Ermittlerin, sondern eine Frau aus dem Alltag, die sich in Verwicklungen wiederfindet und ihnen nicht ausweicht. Gerade diese Perspektive macht die Reihe besonders. Dörthe beobachtet, fragt nach, gerät zwischen die Fronten – und bleibt dabei nahbar. Bull schreibt bewusst aus der Sicht ihrer Figur. Das verleiht den Büchern einen eigenen Ton: persönlicher, unmittelbarer und weniger schematisch als im typischen Polizeiroman.

Bremen als fester Schauplatz

Dass die Reihe in Bremen mit konkreten, wiedererkennbaren Räumen spielt, ist dabei mehr als bloßes Lokalkolorit. Für Martha Bull ist die Stadt ein zentraler Teil ihres Erzählens. Straßen, Wege, Stimmungen und Stadtteile geben den Romanen Bodenhaftung. Bull schreibt über Orte, die sie kennt, die sie aufsucht, die sie in ihre Geschichten einarbeitet. Gerade darin liegt ein Teil des Reizes der Reihe: Dörthe Petersen bewegt sich nicht durch irgendeine Krimiwelt, sondern durch eine Stadt, die Leser:innen  wiedererkennen können.

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