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Dirk Böhling. Foto: FR
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
19. Juni 2024

Stubenarrest

Dirk Böhling über den Wandel der Bestrafung: Was damals bedrohlich war, ist heute ein Segen.

Dirk Böhling über den Wandel der Bestrafung: Was damals bedrohlich war, ist heute ein Segen.

Wissen Sie noch, was früher in Kindertagen die schlimmsten Strafen für uns waren, wenn wir mal Mist gebaut hatten? Taschengeldkürzungen, Fernsehverbot oder „ohne Abendbrot ins Bett“ waren doch eher zu verschmerzende elterliche Maßnahmen, wie niedlich, haben wir uns insgeheim gedacht, waren wir schließlich noch mal ganz gut davongekommen.

Weitaus schlimmer war es da schon, wenn Mama oder Papa das böse Wort mit „S“ in den Mund nahmen: „Stubenarrest!“ Wie bitte? Nicht raus? Nicht mit Holger in den Wald oder mit Winfried am Hang Höhlen bauen? Nicht mit Kai-Uwe heimlich am See FKK gucken oder mit den Jungs und Mädels aus der Nachbarschaft „Fingerkloppe“ spielen? Keine vorpubertären Treffen mit Kiki oder Iris an der Sandkiste? Kein Fußballtraining, keine Schwimmhalle, kein Bandentreffen … nix?

Das war eine echte Strafe – das ging gar nicht. Wem diese Buße auferlegt war, der wurde wirklich von Leben geprüft. Die Jahreszeit spielte dabei übrigens gar keine Rolle, denn sommers wie winters war doch klar, wo sich das gesellschaftliche Leben eines Babyboomer-Kindes oder Jugendlichen abspielte – klar: draußen.

Endlich den ganzen Tag daddeln!

Wenn wir einmal den Bogen zu den heutigen Kindern schlagen, dann sieht die Welt – und da passt das Sprichwort tatsächlich mal – ganz anders aus. Heute löst das Wort „Stubenarrest“, wenn es überhaupt noch jemand kennt oder gebraucht, ganz andere Reaktionen aus! Wie bitte? Nicht raus? Hurra! Endlich den ganzen Tag daddeln. Computerspiele-Level verbessern, oder Lego-Raumschiffe zusammenbauen ohne nervige Frischluft-Unterbrechungen. Herrlich!
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Ja, was früher Bestrafung war, firmiert heute eher als Belohnung. Das bekommt man heutzutage für ein gutes Zeugnis. Was also tun Eltern, die kleine Denkzettel in der heutigen Kindererziehung verteilen wollen? Das böse „S-Wort“ funktioniert, wie eben beschrieben, mäßig bis gar nicht. Fernsehverbot ist in Zeiten von Streaming und Netflix auch eher kontraproduktiv. Und über angedrohte Taschengeldkürzungen werden die angehenden Finanzfachkräfte in Niedrigzins-Zeiten auch nur müde lächeln.

Das böse „W-Wort“

Das einzig probate Mittel, dem Kind kurzzeitig den Kopf zu waschen, ist das böse „W-Wort“. Es ist nämlich die letzte Instanz in Sachen „Durchgreifen“. Wenn Sie also dem Satz „Jetzt werden aber andere Saiten aufgezogen!“ tatsächlich richtig Bedeutung geben wollen, bleibt nur eins: die WLAN-Sperre. Sie glauben gar nicht, wie schnell Sie darauf eine Reaktion bekommen. Man kann sagen, die „WLAN-Sperre“ ist der „Stubenarrest 2.0“ – falls der Nachwuchs mal fragt, was damit eigentlich gemeint war

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