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#Kolumne – Baby Boomer Böhling
23. Mai 2024

Sechslinge im Werbefernsehen

Auch sie sind echte Babyboomer – schließlich wurden sie 1963 geboren, ganz genau am zweiten April, also ein Jahr vor dem geburtenstärksten Jahrgang überhaupt!

Auch sie sind echte Babyboomer – schließlich wurden sie 1963 geboren, ganz genau am zweiten April, also ein Jahr vor dem geburtenstärksten Jahrgang überhaupt!

Die Geburt von gleich sechs neuen Erdenbewohnern ist sehr selten. Laut Statistik gibt es auf 4,7 Milliarden Geburten weltweit nur einmal Sechslinge. Diese sechs waren darüber hinaus auch noch staatlich geplant. Ohne den Staatsvertrag zur Trennung von Werbung und Programm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hätte es diese sechs vermutlich nie gegeben. Aber so kamen sie in die Welt – streng nach dem ABC … Anton, Berti, Conny, Det, Edi und Fritzchen, alles Jungs! Ähnlich wie die Leute von der Shiloh-Ranch, die Männer vom K3, der Spatz vom Wallraffplatz oder die Kinder aus Bullerbü wurden auch sie nach dem Ort ihrer Arbeitsstätte benannt, und das war in diesem Fall der Lerchenberg in Mainz: also „Die Mainzelmännchen“.

In ihren ersten fünf Lebensjahren trennten sie die Fernsehreklame noch in Schwarz-Weiß – ab 1967 wurden die Kapriolen bunt, und nur knapp acht Jahre später gab es schon über 10.000 kleine Filmchen mit den putzigen Mützenträgern. Die waren auch immer so etwas wie Zeugen ihrer Zeit. In den Sechzigern halfen sie der braven Hausfrau beim Frühjahrsputz und verhinderten heldenhaft einen Schwelbrand im Wohnzimmer, indem sie die heruntergefallene Zigarette des eingeschlafenen Gatten in den Aschenbecher verfrachteten. Später wurden sie trendy, fingen an zu rappen, fuhren Snowboard, brachten das Head-banging ebenso in die heimischen Wohnzimmer, wie den Aufruf, zu Corona-Zeiten zu Hause zu bleiben. Und was ist mit der Emanzipation? Eine 1988 gezeichnete Mainzelfrau schaffte es leider nicht auf die Mattscheibe, aber sie hatten es immerhin versucht.

Ganz nebenbei waren die sechs Jungs aus Mainz übrigens auch so etwas wie die Erfinder des deutschen Merchandising! Mal ehrlich, wer hatte sie nicht auf irgendwas abgedruckt? Tassen, Teller, Federtaschen, Handtücher, Sammelbildchen und natürlich die kleinen Plastikfiguren, deren Originale heutzutage ziemlich hoch gehandelt werden. Die sechs Mainzelmännchen-Figuren gehören in dieselbe Schublade wie Prilblumen-Aufkleber, Matchbox-Autos und Europa-Hörspiel-Kassetten. Wenn Tilli wieder mal ihre Hände irgendwo drin badete, wenn Clementine diese praktischen runden Ariel-Kartons hochhielt, auf denen man so schön trommeln konnte, nachdem man die Bauklötze daraus ausgekippt hatte, oder wenn Passanten auf der Straße den Schauspieler Günter Geiermann mit „Hallo Herr Kaiser!“ ansprachen, dann waren sie verlässlich in der Nähe und konnten alle noch so gut gemeinten Werbebotschaften mit einem einzigen „Guck ma, der da – hohoho der da!“ wegwischen.

Auch daran merke ich immer wieder, wer mit mir zusammen altersmäßig zwar nicht unbedingt die Schulbank, aber immerhin den Fernsehsessel geteilt hat.Rufen Sie mal in eine Runde ein langgezogenes „Gudn Aaaaamd!“ – sie werden sehr schnell merken, wer hier die Mütze aufhat.

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