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Foto: A. Zuchold
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
1. September 2025

Sechs aus Neunundvierzig

Unser Kolumnist Dirk Böhling blickt auf die TV-Highlights vor 60 Jahren zurück

Unser Kolumnist Dirk Böhling blickt auf die TV-Highlights vor 60 Jahren zurück

Was haben der „Beatclub“, die „Bezaubernde Jeannie“ und die Lottozahlen gemeinsam? Alle drei erblickten im September vor 60 Jahren das schwarz-weiße Röhrenlicht der Welt. Ende des Monats kam der erste Beat aus Bremen, mit einer 21-jährigen Uschi Nerke im selbst genähten Minirock, knapp drei Wochen vorher hatte der blondierte Flaschengeist mit Turban den späteren J. R. Ewing im US-Fernsehen kennengelernt. Und schon am 4. des Monats schaute das deutsche Fernsehpublikum zum ersten Mal gebannt zu, wie nummerierte Tischtennisbälle in Plastikröhrchen landeten. Es war überhaupt ein aufregender Fernsehtag, dieser 4. September 1965, denn auch das Dritte Programm im Norden ging an diesem Tag an den Start. Zur Premiere wurde zunächst das Bildungsangebot „Französisch im Fernsehen“ und danach eine Sendung zum Thema Luftfahrtsicherheit von einem gewissen Hermann Rockmann gezeigt, bis dann um 22 Uhr das Testbild eingeblendet wurde.

Im Ersten Deutschen Fernsehen kam schon eine Viertelstunde später ähnlich Spannendes – jedenfalls wenn man ein Los gekauft hatte. Karin Dinslage hieß die erste Lottofee, die die Gewinnzahlen 35-36-21-13-45-46 verkündete, natürlich ohne Gewähr. Ich habe mir übrigens sagen lassen, dass ich bei Weitem nicht das einzige Babyboomer-Kind war, das lange nicht verstand, was Gewehre mit Gewinnzahlen zu tun haben könnten! Apropos Kindheit: Die „Ziehung der Lottozahlen“ war bei mir immer irgendwie negativ behaftet, weil sie meistens mit einem „Gute Nacht“ verbunden war.

Klar, nach der Samstagabendshow und vor dem „Wort zum Sonntag“ mussten viele Babyboomer-Kinder ins Bett – das war dann so gegen halb elf, wenn Kuli nicht wieder überzogen hatte. Immer wenn nach Showschluss von „EWG“, „Am laufendem Band“ oder „Auf Los geht’s los“ die stets gut frisierte Karin Tietze-Ludwig das Fernsehpublikum mit den Worten „Guten Abend, meine Damen und Herren“ begrüßte, ergänzte meine Mutter diese Worte mit „… und gute Nacht liebe Kinder!“ – und das war es dann für uns. Den Satz „Der Aufsichtsbeamte hat sich vor dieser Sendung von dem ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der 49 Kugeln überzeugt“ habe ich oft gar nicht mehr mitbekommen, vom anschließenden Spätfilm ganz zu schweigen.

Als ich dann einmal allein zu Hause war und doch heimlich weitergeschaut habe, kam das nächste einschneidende TV-Erlebnis – ich dachte, ein Film mit dem Titel „Die Vögel“ kann ja nicht so schlimm sein … Auch meine Hitchcock-Premiere ist also irgendwie mit der Ziehung der Lottozahlen verbunden. Insgesamt hatte Lotto also in meiner Kindheit immer einen doofen Beigeschmack. Versöhnt damit hat mich eigentlich erst wieder Loriot mit seinem „Erwin Lottemann, nee Lindemann, jetzt weiß ich“, der seinen Gewinn bekanntlich in der Eröffnung einer eigenen Herrenboutique in Wuppertal anlegen wollte. Dank seiner ebenfalls geplanten Rom-Reise nebst Papstaudienz habe ich mich dann doch noch über das Lottospielen freuen können.

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