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Dirk Böhling. Foto: FR
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
25. Juni 2024

Sag zum Abpfiff leise Servus!

Baby-Boomer-Böhling

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

Erinnern Sie sich noch an Hans-Peter Briegel, Jürgen Kohler oder David Odonkor? Wann auch immer irgendwo im großen Stil Fußball gespielt wurde, gab es Namen, die plötzlich aufploppten und dann für mindestens einen Monat zum nationalen Kickerwortschatz gehörten, die man aber auch nicht selten nach dem Turnier wieder vergessen hatte.

Einen Namen aber gibt es, der blieb. Hartnäckig seit 1961 ist er mit dem runden Leder verbunden und wurde seitdem wie ein Staffelstab zwischen den Fangenerationen weitergegeben. Egal, ob ein Münchner Lockenkopf einen Elfer im EM-Finale 1976 verschoss oder einer argentinischen Fußballlegende bei der WM zehn Jahre später die Hand Gottes zu Hilfe kam – dieser Name war schon vorher Kult. Dabei hat er nichts mit einer Spieltaktik, einem Sportausstatter oder irgendwelchem Regelwerk zu tun. Nein! Es geht um kleine Zellophantütchen, die aber weder vor der A-Jugend noch vor der Altherrentruppe haltmachen! Tütchen, die Kinder im Kleberausch hinterlassen, den unbändigen Sammelinstinkt von Jugendlichen provozieren und so manch fast vergessene alte Leidenschaft bei deren Eltern wiederaufleben lassen.

Ideengeber dieses Phänomens sind die beiden fußballbegeisterten Brüder Guiseppe und Benito, die 1960 die Idee hatten, ein Sammelalbum für ihren geliebten Sport zu kreieren. Der Rest ist Fußballgeschichte. Innerhalb der ersten zwölf Monate gingen gut 15 Millionen Packungen über den Ladentisch, ein FIFA-Vertrag machte die Klebealben noch berühmter und pünktlich zur WM in Mexiko 1970 war die Sammel-, Tausch- und Klebeleidenschaft nicht mehr zu bremsen.

Die langhaarigen und kotelettengeschmückten WM-Helden der 1970er-Jahre, die 1980er-Vokuhila-Frisuren-Kicker mit Oberlippenbart oder die tattooverzierten Ballkünstlerinnen und Ballkünstler von heute – sie alle sind vereint unter diesem einen klangvollen Familiennamen: Panini!

Wer einmal das Gefühl erlebt hat, dieses eine Bild aus dem Tütchen fallen zu sehen, auf das man so lange gewartet hat, ist wohl für immer infiziert mit dem Klebevirus, der seit der WM 1978 auch hierzulande um sich greift. Seitdem ranken sich viele Geschichten um die Sammelbände unserer Kindheit, in die die Herren Beckenbauer und Kahn ihre Porträts einst nicht einkleben lassen wollten, deren teuerste Bildchen die Konterfeis von Maradona, Ronaldo, Messi und Mbappé zeigen, und deren frühere Jahrgänge im Internet mittlerweile zu hohen Preisen gehandelt werden. Doch es hilft alles nichts – jedes Spiel ist einmal zu Ende und auch für Panini heißt es nun Abpfiff. Ab sofort werden die Sammelalben von einem neuen Anbieter verkauft und die künftigen Klebeköpfe des Rasenballsports bekommen ein neues Logo.

Ich werde allerdings das Gefühl nicht los, dass es der Bezeichnung von Fußballklebebildchen ähnlich gehen könnte wie dem von Papiertaschentüchern und Plastikklebestreifen … Sie wissen schon!

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