Ruf doch mal an!
Unser Kolumnist Dirk Böhling blickt auf die Telefoniererei in seiner Kindheit und Jugend zurück
Ruf doch mal an!“ So hießen nicht nur völlig vergessene Songs von Mike Krüger, den Bläck Föös, Roberto Blanco oder Matthias Reim. „Ruf doch mal an“ war in den 1970er- und 1980er-Jahren auch der Werbeslogan von der Deutschen Bundespost, der die Menschen dazu animieren sollte, sich einen eigenen Telefonanschluss zuzulegen. Man fand den Spruch in Form einer Sprechblase auf Postkarten und als Aufkleber in Telefonzellen, wo er den Satz „Fasse Dich kurz“ ablöste, der bis dato in der Nähe von öffentlichen Fernsprechern mit dem Nachsatz „Nimm Rücksicht auf Wartende“ zu lesen war. In den 1990er-Jahren hatte auch die Telekom den Aufruf „Ruf doch mal an“ für sich entdeckt und ihn musikalisch in lustige Werbespots für kabellose Telefone verpackt.
Die Zeit, in der man für Apparate und nicht für Netze Werbung machte, endete 1999 mit den legendären Worten eines deutschen Tennisspielers: „Bin ich da jetzt schon drin oder was?“ Seitdem hat sich die Telefoniererei stark verändert. Wo früher dicke Telefonbuchwälzer zum Hoch- und Aufklappen in gelben Metallzellen hingen, bekommt man heute den digitalen Hinweis für ein passwortfreies Login. Vorbei die Zeiten, an denen nicht telefoniert werden konnte, wenn zeitgleich jemand online war, und Telefongespräche nach 18 Uhr deutlich billiger wurden. Als Ende der 1980er-Jahre Wählscheiben- und Tastenapparate vom „tragbaren Funktelefon für unterwegs“ abgelöst wurden, ahnte niemand, dass man die Worte Handy, Selfie und Smartphone eines Tages im Duden nachschlagen kann.
Heute kann man 24/7 surfen, das Telefon macht die besten Fotos, erinnert an Termine, erleichtert den anonymen Erstkontakt, ersetzt Postkarten, Autogrammwünsche oder heimliche Briefe im Unterricht, und wenn man jemanden beim Ferngespräch ins Gesicht schauen möchte, sind die Worte „auf den Schirm“ nicht mehr nur Käpten Kirk vorbehalten. Wann war das noch, als ich die Nummern meiner Freunde auswendig kannte, die von zu Hause, von Oma und Opa oder der Arbeitsstätte meiner Eltern ganz zu schweigen? Heute weiß ich nicht mal die meiner Kinder – alle eingespeichert! Wer jetzt noch einen Anschluss aus der Dose besitzt, kennt den heimischen Klingelton oft nicht, und wenn doch der Festnetzapparat klingelt, denkt man sofort, jemand sei schwer verletzt!
Auch die Art der Kommunikation hat sich geändert. Wo der erste Satz einmal „Hallo wie geht es dir?“ lautete, sagt man heute „Wo bist du gerade?“. Vorausgesetzt, man spricht live miteinander, anstatt Fragen und Antworten ins Telefon zu sprechen, damit das Gegenüber sie dann abrufen kann. Das Telefon hat die Menschen einst zusammengebracht und kann heute sogar das Gegenteil! Ich frage mich, wie viele kopfgesenkte auf den Minibildschirm fixierte Augenpaare wohl den Partner ihres Lebens verpasst haben, obwohl sie einander in der Bahn, im Wartezimmer oder sonstwo gegenübersaßen. Sollten Sie Ihren Traummenschen nicht verpasst haben, ist jetzt der richtige Moment, dem alten Motto zu folgen: „Ruf doch mal an!“