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Dirk Böhling. Foto: FR
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
24. Juli 2024

Projektwochen gestern und heute

Pädagogisch wertvoll oder inhaltlich fragwürdig? Dirk Böhling vergleicht die aktuellen Schulprojektangebote mit jenen der Boomer-Generation.

Pädagogisch wertvoll oder inhaltlich fragwürdig? Dirk Böhling vergleicht die aktuellen Schulprojektangebote mit jenen der Boomer-Generation.

Immer öfter, wenn ich in einem dieser oft zitierten alten Schuhkartons nach irgendetwas aus früheren Zeiten suche, vergesse ich ganz schnell, wonach ich gesucht habe – weil das, was ich gerade gefunden habe, meistens viel interessanter ist. So war es auch neulich, als ich auf eine Mappe mit meinen gesammelten ersten publizistischen Werken stieß.

Eine für meine damaligen Verhältnisse wirklich originell gestaltete Hochzeitszeitung für meinen Freund Jürgen war dort zu finden sowie erste lyrische Gehversuche mit kleinen Gedichten und fünf Ausgaben einer in A3 produzierten Zeitung mit dem Titel „Daily-Project“. Was war das denn noch? Ach ja: Das war die „Zeitung“, die während einer Projektwoche in meiner alten Schule gemacht wurde. Ich hatte mir aus dem Angebot der vielen Schulprojekte die Mitarbeit in dieser Schülerzeitungsredaktion ausgesucht und darin einige Artikel über die verschiedenen Aktivitäten bei den anderen Projekten verfasst.

Die erste Projektwoche an unserer Schule gab es in den frühen 1980er-Jahren, kurz vor den Sommerferien, die Noten standen fest, und sowohl im Lehrkörper, als auch bei der Schülerschaft hatte sich eine gewisse Unterrichtsunlust breitgemacht. Was konnte man da Schöneres tun, als in vielen kleinen Gruppen an vielen lustigen, sinnstiftenden, kreativen und manchmal auch lehrreichen Projekten teilzunehmen? Eine Woche lang traf man sich mit Leuten, die man sonst nur aus der Kakaoschlange kannte, und machte jahrgangsübergreifend, was zusammen, über das wir von der Projektwochenzeitung dann täglich berichteten – wie die Großen!

Die Idee einer Projektarbeit stammt wie so vieles pädagogisch Wertvolle aus den 1970er-Jahren. Deshalb sollten ursprünglich auch sozialpolitische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Themen im Mittelpunkt stehen. Das Angebot an unserer Schule war etwas breiter gefächert. Die Gruppen für Rudern, Schwimmen, Tischtennis, Surfen, Volleyball und Segeln waren relativ schnell voll. Auch die Tickets für Schulgarten, Kochen, Foto, Bundeswehr, Wald und Wiese oder ein Kunstprojekt waren schnell vergriffen. Solche Projektwochen sind bis heute eine gute Idee, den verschiedenen Klassenstufen den Endspurt zu den Ferien zu verschönern.

Über welche Projekte müsste ich also heutzutage wohl für die Schülerzeitung schreiben? Der Blick auf ein aktuelles Projektangebot gibt Aufschluss: Veganes Backen, Yoga, Inklusion sowie Medien und natürlich jede Menge sportlicher Betätigungen kann man dort wählen – klasse, das nenne ich zeitgemäß und spannend! Wobei, ein Angebot hat mich dann doch etwas irritiert: Entspannung und Atmung stand dort geschrieben – nur zum Verständnis, wir befinden uns in hier in einer Grundschule. Als Grundschüler hatte ich an vielen Dingen Freude. Entspannung und Atmen gehörten nicht an erster Stelle dazu. Gut, das mag sich geändert haben, aber ich bin doch ganz froh, dass ich darüber nicht in der Projektwochenzeitung berichten muss. Dazu wäre mir nichts eingefallen.

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