Nur ein Schuh am Straßenrand?
Unser Kolumnist Matthias Höllings über eine skurrile Begegnung am Wegesrand.
Die eine oder andere Strecke in Irland oder Norwegen hatte ich bereits abgestrampelt. Dieses Mal sollte es nach Frankreich durch die Champagne gehen – ist ja Urlaubszeit. Ganz ohne Gepäck im zünftigen Sportdress, also am frühen Morgen rauf auf den Sattel.
Selbstverständlich kein E-Bike. Der frühe Vogel fängt den Wurm, obwohl das eigentlich eher etwas für Angler wäre. Rumzusitzen und stumpf aufs Wasser zu gucken, ist nicht so mein Ding. Ich möchte lieber etwas von der Landschaft sehen – ist ja Urlaubszeit.
Ich trete in die Pedale und freue mich auf meinen ersten Trinkstopp nach einer halben Stunde. Vor mir hellblauer Himmel, kein Wind. Ideale Verhältnisse. Die Anzeige zeigt mir meine Durchschnittsgeschwindigkeit mit 21 km/h an – genau richtig zum Aufwärmen. Vor mir eine schmale, asphaltierte Landstraße ohne Mittelstreifen. Weit und breit keine Häuser in Sicht. Flache Gegend. Ich werde weder überholt noch kommt mir jemand entgegen. So einsam macht das Radeln Spaß. Zeit genug, links und rechts die riesigen Weinrebenfelder zu bestaunen. Sonst ist nichts und niemand zu sehen. Ich träume und radle so vor mich hin.
Plötzlich glaube ich, am Straßenrand einen Fuß gesehen zu haben, oder war es nur ein Schuh? Direkt an der Stelle, wo der Asphalt seitlich in Schotter übergeht und der Grünstreifen noch nicht gemäht ist.
Lag da ein Unfallopfer? Ich war zu schnell vorbei.
Da war doch sonst nichts, oder?
Ich bin verunsichert, halte nicht an, steige nicht ab, sondern strampele weiter. Mein Handy habe ich nicht dabei. Falls doch, hätte ich auch niemanden anrufen können, um Hilfe zu holen. Was hätte ich der Polizei auf die Frage: „Wo sind Sie gerade?“ antworten sollen? Ich spreche kein Französisch, und wie beschreibe ich, wo genau ich bin, denn obwohl ich schon seit geraumer Zeit vor mich hin strampele, habe ich bisher keine Orts- oder Straßenschilder gesehen. Gestartet war ich auf einem Wiesenparkplatz.
War das alles nur Einbildung? Ich bin etwas beunruhigt. Doch, ich habe einen Schuh gesehen, aber war da noch ein Bein dran? Nach Ende meiner Tour lässt mich dieser Gedanke auch am Abend nicht mehr los, und ich fahre am nächsten Vormittag dieselbe Strecke noch einmal ab, da ich gestern nicht umkehren konnte. Und tatsächlich, ich hatte mich nicht geirrt. Komme wieder an der Stelle vorbei. Aufatmen.
Es ist wirklich nur ein Schuh – ohne Fuß und ohne Bein. Erschöpft, aber froh, steige ich von meinem Trainingsrad im Gym, schalte den Monitor aus und gehe zum Duschen. Morgen sitze ich wieder hier, dann geht es nach Neuseeland, Schafe gucken – ist ja Urlaubszeit.