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Fotos: Carlsen Verlag
#Bremer Köpfe #Kolumne – Matthias Höllings
1. März 2024

Nikolaus Kuno Freiherr von Knatter

Manfred Schmidt, 1913 im Harz geboren und 1999 am Starnberger See gestorben, legte sein ganzes Leben lang sehr viel Wert darauf, ein Bremer zu sein. Ein Grund dafür sind wahrscheinlich seine Bremer Kindheit und seine Schulausbildung am Neuen Gymnasium in Schwachhausen. Aus bescheidenen Verhältnissen kommend, schafft er durch ein Stipendium die höhere Schulbildung bis zum Abitur. Schon damals zeichnet er gern und schickt als 14-jähriger eine Freimarkt-Reportage an die Weser Zeitung. Als man sein Werk dann tatsächlich auf einer ganzen Zeitungsseite abdruckt, wird Schmidt zum Gesprächsthema an seiner Schule und bekommt dadurch einen kleinen Vorgeschmack davon, wie aus einem unscheinbaren Schüler ein Superstar werden kann.

Manfred Schmidt, 1913 im Harz geboren und 1999 am Starnberger See gestorben, legte sein ganzes Leben lang sehr viel Wert darauf, ein Bremer zu sein. Ein Grund dafür sind wahrscheinlich seine Bremer Kindheit und seine Schulausbildung am Neuen Gymnasium in Schwachhausen. Aus bescheidenen Verhältnissen kommend, schafft er durch ein Stipendium die höhere Schulbildung bis zum Abitur. Schon damals zeichnet er gern und schickt als 14-jähriger eine Freimarkt-Reportage an die Weser Zeitung. Als man sein Werk dann tatsächlich auf einer ganzen Zeitungsseite abdruckt, wird Schmidt zum Gesprächsthema an seiner Schule und bekommt dadurch einen kleinen Vorgeschmack davon, wie aus einem unscheinbaren Schüler ein Superstar werden kann.

Er hat seine Passion gefunden. Nach einigen Umwegen als Kameralehrling in Berlin lernt er Franz Ullstein kennen und findet eine Anstellung in dessen Verlag, um für „dummes Zeug bezahlt zu werden“. Bei der Wehrmacht setzt man Schmidt als Kartenzeichner ein. Dort lernt er seinen größten Fan Loriot (Vico von Bülow) kennen. Und dann passiert es: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bekommt Schmidt ein „Superman“-Comicheft der amerikanischen Besatzer in die Finger, empfindet diesen Comic jedoch als so stumpfsinnig und primitiv, dass er unbedingt eine Persiflage darauf erfinden will: „Wenn die Figuren in dem Comic etwas sagen, kommt eine Textblase aus dem Mund, wenn sie etwas hören, aus dem Ohr und wenn sie etwas denken, was sie sehr selten taten, auch aus dem Kopf. Ich fand das idiotisch.“

Mit Schirmmütze, Pfeife und kariertem Knickerbocker-Anzug

Seinen eigenen „Superman“ siedelt Schmidt in einem uralten Adelsgeschlecht an, gibt ihm den Namen Nikolaus Kuno Freiherr von Knatter und lässt ihn als Meisterdetektiv „Nick Knatterton“ Kriminalfälle auf ungewöhnliche Art lösen. Seine Figur mit Schirmmütze, Pfeife und kariertem Knickerbockeranzug wird eine Mischung aus Sherlock Holmes und James Bond, der in üblen Hafenspelunken genauso ermittelt wie in edlen Juweliergeschäften. Nick Knatterton, überzeugter Pazifist, hat zwar eine Pistole, schießt damit jedoch nur im äußersten Notfall aus einer Zeitungsseite die Buchstaben „o“ aus dem Text. Am 3. Dezember 1950 erscheint in der Illustrierten „Quick“ die erste Detektivgeschichte unter dem Namen „Der Schuss in den künstlichen Hinterkopf“. Nur zehn Folgen sind geplant, aber durch den zotigen Humor, die sexuelle Freizügigkeit und die vielen Anspielungen auf die Bonner Politik und ihr Establisment der Adenauer-Ära werden aus zehn Folgen fast zehn Jahre.

Die Figur des Nick Knatterton wird schlagartig zum Liebling der Massen. Der Meisterdetektiv gerät an Gangster wie Tresor-Theo, Miezen-Max und Schläger-Schorsch, lässt sich blenden von den weiblichen Reizen einer Virginia Penges, Mi-Tse Meyer oder einer Molly Molls. Manfred Schmidt stattet seinen Helden mit einem Werkzeugkasten in den Schuhsohlen aus, mit einem Fallschirm im falschen Bart, einem künstlichen Hinterkopf, einem unschlagbaren rechten Haken und der legendären Äußerung „Kombiniere!“. Dieses Wort geht in den 50er- und 60er-Jahren in den allgemeinen Sprachgebrauch über. In seinem Comic wimmelt es nur so von Sprech- und Denkblasen. Schmidt baut sogar Riechkästchen und komplexe Erklärkästen in seine Zeichnungen mit ein.

Auch im Ausland ermittelt der Meisterdetektiv. Während die Holländer die oft freigelegten Brüste und die üppigen Frauenpopos der Schmidtschen Unterwelt-Damen auf Normalmaß retuschieren, verfährt man in der Türkei genau gegenteilig – heute kaum noch vorstellbar. Nick Knatterton wird zum Superstar und wächst seinem Erfinder mit den Jahren über den Kopf. Manfred Schmidt kann und will nicht mehr, ist von der Verpflichtung einer Serienproduktion überfordert, erleidet eine Schreibblockade und entlässt seinen Helden, der ihm so viel Ruhm und Geld bescherte, in den Ruhestand. Nick Knatterton heiratet die fiktive Millionärin Linda Knips und ermittelt nicht mehr. Die Fans seiner Comicfigur protestieren, aber die Serie wird eingestellt. 1959 erscheint sein Held, gespielt von Karl Lieffen, jedoch in einem Kinofilm mit dem Titel „Der Raub der Gloria Nylon“. Manfred Schmidt beschäftigt sich fortan als Reisejournalist, lässt Nick Knatterton aber Anfang der 80er-Jahre als Trickfilmfigur durch eine selbst produzierte Serie erneut auferstehen und ermitteln. So lebt der Meisterdetektiv auch heute im Computerzeitalter weiter – obwohl sein Schöpfer Manfred Schmidt einmal sagte: „Wenn ein Computer alles kann, dann kann er mich mal kreuzweise!“

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