„Nicht jammern, sondern handeln“
Virginie Kamche über Netzwerke, Integration und kulturellen Austausch
Wenn Virginie Kamche spricht, spürt man sofort ihre Überzeugung: Vielfalt ist keine Herausforderung, sondern eine Stärke. Die gebürtige Kamerunerin hat 2010 den Afrika Netzwerk Bremen e. V. gegründet und kümmert sich dort bis heute als Fachpromotorin unter anderem um Hilfestellungen bei der Integration in Deutschland – beispielsweise beim Belegen von Sprachkursen, beim Zugang zum Arbeitsmarkt und dem Bildungssystem. Was als spontane Idee begann, ist heute eine Plattform, die Menschen verbindet, Vorurteile abbaut und interkulturellen Austausch fördert. Im Gespräch erzählt die 60-Jährige, wie ihre eigenen Erfahrungen als Studentin in einem fremden Land sie dazu brachten, aktiv gegen Ausgrenzung vorzugehen – und wie aus einem kleinen Treffen eine große Bewegung wurde.
Was hat Sie dazu gebracht, das Afrika-Netzwerk zu gründen?
Als ich 1995 für das Informatikstudium kam, wollte ich mich schnell integrieren und unbedingt Deutsch lernen. Aber ich merkte, wie schwierig es war, in gemischte Gruppen zu kommen, in denen man wirklich die Sprache lernt und eine Verbindung zu den anderen aufbauen kann. Nach dem ersten Semester habe ich beschlossen: „Okay, ich gehe lieber zu den Leuten, bei denen ich mich wohlfühle.“ Das war ein Stück weit einfacher, aber es war eben nur ein Schritt, sich mit der eigenen Community zu vernetzen. Ein Professor erkannte damals dieses Problem und hat uns im Studium ermutigt, gemischtere Gruppen zu bilden. Er sagte: „Nur so können wir voneinander lernen.“ Dieses Lernen voneinander hat mich geprägt und ist bis heute zentral in meiner Arbeit. Menschen haben oft Vorurteile oder Meinungen über andere, dabei kennen sie sie gar nicht wirklich. Das hat mich immer gestört. Ich wollte etwas tun, um Barrieren abgebaut werden, damit Austausch entsteht.
Wie haben Sie damals die Idee eines Netzwerks in die Tat umgesetzt?
Das war eigentlich eine spontane Idee. Ich wollte an meinem Geburtstag etwas Sinnvolles machen, keinen klassischen Empfang mit Freunden. Ich hatte mir vorgenommen, innerhalb von zwei Wochen ein Gründungstreffen zu organisieren. Über 100 Menschen kamen zusammen, ganz unterschiedliche Menschen, aber vor allem aus der afrikanischen Community. Das war für mich ein klares Zeichen: Der Bedarf war da! Wir haben dann gemeinsam den Verein ins Leben gerufen. 2010 haben wir angefangen, und zwei Jahre später, 2012, wurde das Afrika-Netzwerk offiziell als Verein eingetragen. Anfangs war unsere Arbeit im Netzwerk von ganz praktischen Herausforderungen geprägt: Wie erreicht man Menschen mit Migrationshintergrund? Wie vermittelt man wichtige Informationen, etwa über Bildung oder Rechte? Es brauchte Zeit gebraucht, um vieles zu strukturieren und herauszufinden, wie wir wirklich helfen können.
Welche Ziele verfolgen Sie heute mit Ihrer Arbeit?
Mein Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen, Austausch zu fördern und Vielfalt sichtbar zu machen. Oft engagieren sich Menschen in ihrer eigenen Community, bleiben dort aber in ihrer „Bubble“. Dadurch wird verhindert, dass wir als Gesellschaft wirklich voneinander lernen. Das Afrika-Netzwerk ist eine Plattform, die das ändern möchte. Wir schaffen Begegnungen, bauen Brücken und versuchen, Vorurteile abzubauen. Etwas, das mir besonders wichtig ist, sind Vorbilder. Kinder und Jugendliche brauchen Menschen, an denen sie sich orientieren können. Das war vor 30 Jahren in Deutschland kaum gegeben. Afrikanische Menschen an der Kasse oder in Führungspositionen waren selten zu sehen. Unsere Kinder brauchen das Gefühl: „Das kann ich auch schaffen!“ Deshalb ist es mir wichtig, dass Vielfalt überall zu sehen ist, sei es in der Schule, bei der Arbeit oder in der Politik.
Wie wird Ihrer Meinung nach mit dem Thema Migration in Bremen umgegangen?
Ich denke, Migration wird oft falsch wahrgenommen. Anstatt sie als Bereicherung zu sehen, wird sie negativ diskutiert. Dabei ist sie essenziell, vor allem auch in Zeiten des Fachkräftemangels. Eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn ihre Mitglieder miteinander leben und voneinander lernen.
Sie sind in Kamerun geboren, haben lange Zeit in Frankreich gelebt und sind seit über 30 Jahren in Bremen. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Bremen ist für mich zu einem Zuhause geworden. Ich fühle mich hier sehr wohl.
Welche Herausforderungen haben Sie persönlich hier erlebt?
Oh, da gab es viele. Ich erinnere mich gut an meinen Versuch, Lehrerin zu werden. Französisch ist meine Muttersprache, und ich habe mich für das Referendariat beworben. Doch mein Fachleiter fragte mich mehrmals, welche Kompetenzen ich habe, um Französisch zu unterrichten. Das hat mich zutiefst verletzt. Ich meine, ich spreche Französisch seit meiner Kindheit! Ich habe mein Abitur und mein Studium in Frankreich gemacht. Ich konnte es nicht fassen und wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Nach zwei Wochen habe ich ihm schließlich gesagt: „Ich spreche Französisch , seit ich drei Jahre alt bin, und schreibe genauso lange in dieser Sprache. Sie sehen etwas anderes, weil ich afrikanisch aussehe. Das ist nicht fair.“ Diese Erfahrung hat mich zwar erschüttert, aber auch motiviert.
Und wo sehen Sie generelle Hürden in Ihrer Arbeit?
Als Verein stoßen wir oft auf finanzielle Grenzen, die unsere Arbeit erschweren. Wir könnten noch viel mehr bewirken, wenn wir mehr Mittel hätten. Leider erleben wir oft Kürzungen, die unsere Projekte ausbremsen. Es gibt Interesse an Themen wie Migration, aber dabei bleibt es oft. Es fehlt die nachhaltige Unterstützung, um Dinge umzusetzen. Ehrenamtliche Helfer zu finden, ist ebenfalls schwierig. Die meisten Menschen müssen zuerst ihre eigene Existenz sichern und können sich weniger freiwillig engagieren.
Nichtsdestotrotz haben Sie im Laufe der Jahre schon vieles bewirkt. Worauf sind Sie besonders stolz?
Besonders stolz bin ich auf den Diaspora-Preis, den wir jedes Jahr vergeben. Er bringt Menschen zusammen, gibt ihnen Sichtbarkeit und ermöglicht es ihnen, eigene Projektideen umzusetzen. Wir fördern damit nicht nur Kreativität, sondern auch Selbstbestimmung. Ein Beispiel ist ein Projekt in Kamerun, bei dem autistische Kinder unterstützt werden, eine unglaublich wichtige Arbeit. Auch unsere internationalen Austauschprojekte haben einen großen Wert. Wir hatten zuletzt einen Besuch in Straßburg mit einem Workshop für Frauen. Das war bewegend, weil die Teilnehmerinnen so offen waren und sich aktiv eingebracht haben. Es zeigt mir, wie inspirierend und verbindend solche Programme sind.
Welche Vision haben Sie für das Afrika-Netzwerk?
Mein Traum ist es, ein Afrika-Zentrum in Bremen zu schaffen – einen Ort, an dem sich Menschen begegnen können, um kulturellen Austausch zu erleben. Dort könnten wir gemeinsam kochen, die Vielfalt afrikanischer Länder vorstellen, Sprachen lernen oder einfach Zeit miteinander verbringen. Es wäre ein Raum, in dem sowohl Kinder als auch Erwachsene ihre eigenen Wurzeln kennenlernen und zugleich Teil der Bremer Gesellschaft bleiben. Unsere aktuellen Räumlichkeiten bieten zwar Möglichkeiten, aber ein voll entwickeltes Zentrum braucht mehr Unterstützung. So ein Ort würde Bremen bereichern und zeigen, wie lebendig und facettenreich unsere Kultur ist.
Welche Projekte und Events begleiten Sie derzeit?
Wir hatten vor Kurzem ein Event zum Internationalen Tag der Muttersprache und planen derzeit eine Veranstaltung zum Thema Gewaltprävention, insbesondere gegen Frauen. Dieses Thema spielt eine große Rolle in unserer Arbeit. Außerdem suchen wir Sponsor:innen für den Diaspora-Preis, der dieses Jahr wieder stattfinden soll. Beide Projekte liegen mir sehr am Herzen, weil sie zeigen, wie wichtig proaktives Handeln ist.