„Musik und Natur gehören einfach zusammen“
Interview: David Garrett spielt auf der Seebühne
Wenn David Garrett auftritt, dann flirrt die Luft – vor Energie, Präzision und Leidenschaft. Im Sommer 2023 war der Stargeiger bereits auf der Seebühne in Bremen zu Gast, damals noch in kammermusikalischer Trio-Besetzung. Nun kehrt er zurück: Größer, lauter und spektakulärer soll seine „Millennium Symphony“-Open Air Tour werden.
2023 standen Sie schon einmal auf der Seebühne, damals mit Ihrem Trio. Was erwartet das Publikum dieses Mal?
David Garrett: Ja, damals war es das „Iconic“-Programm, das sehr klassisch und kammermusikalisch ausgerichtet war. Dieses Mal fahren wir allerdings ganz anders auf: mit Band und Orchester. Das ist natürlich eine völlig andere Produktionsgröße, ein regelrechtes Flaggschiff. Wir haben ein aufwendiges Lichtdesign, große Arrangements, eine volle Bühne, also nicht mehr das intime Setting mit ein paar Kerzen wie beim Trio, sondern eine Show mit viel Energie und Emotion.
Wie lässt sich ein Open-Air-Auftritt in dieser Dimension vorbereiten?
Da steckt enorm viel Detailarbeit drin, weil alle Ebenen – Musik, Technik und Licht – aufeinander abgestimmt werden müssen. Aber das Schöne ist: Open Air erlaubt viel mehr Spontaneität. Ich fühle mich draußen freier. In der Konzerthalle spielst du in die Dunkelheit, siehst kaum Gesichter. Unter freiem Himmel erlebst du dagegen das Publikum, nimmst die Umgebung wahr, und das inspiriert ungemein. Du spürst Wind und Sonne, manchmal kommen Leute zu spät, es passiert einfach etwas. Diese Lebendigkeit überträgt sich auf die Musik.
Viele Musiker empfinden Wind oder wechselhafte Witterung als Herausforderung. Sie offenbar nicht?
Nein, ich liebe das sogar! Klar, Starkregen wäre problematisch, aber wir spielen ja auf einer überdachten Bühne. Mich fasziniert es, wenn Natur und Musik ineinandergreifen. Wenn du spürst, wie eine Wolke aufzieht oder der Wind übers Wasser kommt, das ist wahnsinnig kraftvoll. Ich finde, Musik und Natur gehören einfach zusammen. Beide sind Ausdruck von Bewegung, Energie und Stimmung.
Sie haben gerade von Energie gesprochen. Ihr Programm auf der Seebühne wird diesmal sehr poplastig – was dürfen die Fans erwarten?
Ganz einfach: die besten, bekanntesten Hits der letzten 20 Jahre. Von Ed Sheeran über Coldplay und Rihanna bis zu Avicii oder Beyoncé sind das Stücke, die wirklich jeder kennt und liebt. Ich nenne es gern „Modern Classics“. Es ist kein Klassikkonzert im traditionellen Sinn, aber es steckt trotzdem viel Virtuosität und handwerkliche Präzision dahinter. Ich würde mich wundern, wenn jemand bei einem Song sagt: „Das habe ich noch nie gehört.“
In den letzten Jahren haben Sie immer wieder zwischen Klassik und Crossover gewechselt. Was steht nach dieser Tour an?
Ich arbeite tatsächlich gerade gleichzeitig an mehreren Projekten. Wir haben ein neues Klassikalbum mit der Deutschen Grammophon fertiggestellt, das Ende des Jahres erscheint. Im kommenden Jahr wird es dann wieder mehr reine Klassik-Konzerte geben, worauf ich mich sehr freue. Das ist wieder eine ganz andere Seite meines musikalischen Ichs. Parallel plane ich schon ein neues Crossover-Projekt, das Repertoire steht schon in Ansätzen. Ich arbeite gern parallel, das hält den Kopf frisch.
Wie wichtig ist Ihnen die Nähe zum Publikum bei all dieser Professionalität?
Das ist für mich zentral. Ich will nicht nur technische Perfektion zeigen, sondern Emotionen transportieren. Ich tausche Perfektion gern gegen Realismus. Das, was Menschen berührt, ist selten perfekt. Fehler machen Dinge lebendig. Ich bin überzeugt: Was perfekt ist, ist nie ergreifend. Die kleinen Unregelmäßigkeiten, die spontane Energie, das ist das, was Musik menschlich macht. Deshalb ist Live-Musik für mich auch so viel wichtiger als jede gestreamte Perfektion.
Sie gelten als enorm virtuoser Spieler, der trotzdem immer mit seinem Publikum interagiert. Wie schwierig ist es, diese Balance zu halten?
(lacht) Es ist eine Kunst, das Anstrengende leicht aussehen zu lassen. Dafür arbeite ich mein Leben lang. Das Publikum soll sich keine Sorgen machen müssen. Ich bewege mich gern auf der Bühne, aber der Klang darf dabei nie leiden. Da bin ich klassischer Purist. Alles, was ich tue, hat sich der Musik unterzuordnen. Wenn es aber gelingt, Bewegung und Klang in Einklang zu bringen – perfekt! Dann darf’s auch mal spektakulär werden.
Ihre Fans sind dafür bekannt, Ihnen regelrecht hinterherzureisen. Gibt es Erlebnisse, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Es gibt viele berührende Momente. Einer davon war in den USA: Eine Frau, die mich im positiven Sinne seit Jahren verfolgt hatte, war wegen eines Gehörsturzes lange Zeit stark eingeschränkt. Meine Musik hat sie, so schrieb sie mir, motiviert, sich wieder ins Leben zurückzukämpfen. Solche Geschichten gehen mir nahe. Ich bin mir gar nicht immer bewusst, welche Wirkung Musik auf Menschen haben kann. Wenn ich dann so etwas höre, berührt mich das sehr.
Gibt es Künstlerinnen oder Künstler, mit denen Sie gern einmal zusammenarbeiten würden?
Oh ja! Ich liebe kreative Menschen, die nicht nur ihr Instrument beherrschen, sondern eine Vision für das Ganze haben – Arrangement, Produktion, visuelle Gestaltung. Ich sehe mich selbst auch nicht nur als Geiger, sondern als jemand, der eine Show konzipiert, der das Gesamterlebnis gestaltet. Mich beeindrucken Künstler, die offen, neugierig und lernbereit bleiben. Clint Eastwood hat mal gesagt: „Don’t let the old man in.“ Das gilt auch für mich. Sobald ich denke „Das verstehe ich nicht mehr, was die jungen Leute da machen“, weiß ich, ich muss mich da reinarbeiten. Meist finde ich’s am Ende großartig.
Was dürfen die Besucherinnen und Besucher in Bremen er-
warten?
Eine große, unterhaltsame Show mit voller Energie, aber auch mit vielen emotionalen Momenten. Ich will, dass die Leute lachen, vielleicht Gänsehaut haben, sich erinnern. Es wird ein Konzert für alle Generationen. Ich freue mich riesig darauf. Und ich hoffe
natürlich auf gutes Wetter!