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Foto: A. Zuchold
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
4. April 2026

Mülltonnen und Milchmänner

Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an seine Kindheit zwischen Telefonzellen und Milchmännern

Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an seine Kindheit zwischen Telefonzellen und Milchmännern

Still und leise haben sie sich aus dem Staub gemacht – fast heimlich und unmerklich sind sie aus unserem Sichtfeld verschwunden. Für uns Babyboomer gibt es einiges, auf das diese Beschreibung zutrifft.

Ich habe neulich zum Beispiel mal wieder eine Telefonzelle gesehen – mitten in einem kleinen Dorf. Das kleine gelbe Häuschen stand dort etwas verloren an einer Bushaltestelle und diente als Mini-Bibliothek, in der man sich literarisch bedienen oder aber ausgelesene Bücher für andere bereitstellen konnte. Ursprünglich hingen Telefone darin, erst mit Wählscheiben und später mit kleinen Metalltasten. Zur Benutzung brauchte man in früheren Jahren das passende Kleingeld für den Münzeinwurf und später diese Telefonkarten in jedweder Couleur, die zu wilder Sammelleidenschaft animierten. Damit konnte man zu Hause Bescheid sagen, dass man heute wohl etwas später nach Hause kommen würde, weil man wahlweise den Bus verpasst, die Uhrzeit vergessen oder die Mitfahrgelegenheit aus den Augen verloren hatte.

Telefonzellen – wann sind die eigentlich verschwunden? Ich kann mich nicht erinnern. Genauso wenig wie daran, wann ich zuletzt eine Mülltonne aus Stahlblech oder Zink gesehen habe, wie sie in meiner Kindheit am Straßenrand standen. Meine Großeltern nannten diese Tonnen noch Ascheimer, weil man seinerzeit die Asche aus den Kohleöfen darin entsorgte. Deshalb steht auf den heutigen Plastiktonnen wohl immer noch der Satz „Bitte keine heiße Asche einfüllen!“

Ich weiß noch, wie fasziniert ich als kleiner Pöks immer den Müllmännern zugesehen habe, wenn sie die Tonnen an den kleinen runden Auswölbungen am Deckel festhielten, um sie zu den Müllautos zu rollen. Diese runden Dinger hatten natürlich keine Rollen und waren zum Tragen viel zu schwer. Apropos Autos: Wissen Sie, was noch verschwunden ist? Der Milchmann! Bei uns kam er immer dienstags und donnerstags mit einem blauen Lieferwagen, den er auf einem kleinen Platz parkte. Dort klappte Herr Jürgens das Seitenfenster herunter, holte seine große goldfarbene Handglocke hervor und machte sich bemerkbar. Aus dem Wagen heraus wurde alles Mögliche verkauft. Kaffee, Butter, Käse und natürlich Milch – daher hatte der Milchmann ja seinen Namen. Die Milch wurde aber nicht in Tüten oder Kartons verkauft, sondern sie kam aus einem großen Behälter. Ich kann mich daran erinnern, dass viele Frauen mit Kittelschürzen und braunen Klack-Portemonnaies aus den Häusern kamen und ihre kleinen Milchkannen aus Aluminium oder Plastik zum Befüllen mitbrachten. Wenn man plietsch war, bot man der Nachbarin an, die vollen Kannen für sie nach Hause zu tragen. Dafür gab es etwas aus dem Sortiment von Herrn Jürgens …

All das gab es noch bis in die 1980er-Jahre hinein, dann verschwand es plötzlich. Die alten Mülltonnen werden mittlerweile als Sammlerstücke gehandelt. Nicht ganz billig, dafür kann man aber auch „heiße Asche einfüllen“, wenn man möchte.

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