Claudia Siegel: „Mode macht etwas mit uns“
Mit der „Woman“ hat Claudia Siegel einen der bekanntesten Secondhand-Märkte Bremens aufgebaut
Seit mehr als zwei Jahrzehnten organisiert Claudia Siegel mit der „Woman“ einen Modeflohmarkt, der in Bremen längst Kultstatus hat. Im Gespräch erzählt sie, wie aus privaten Kleidertauschabenden ein Großevent in der Messehalle wurde, warum Secondhand heute anders gesehen wird als noch vor 20 Jahren und welche Trends sie aktuell in der Mode beobachtet.
Frau Siegel, wann wurde aus einer privaten Idee eigentlich die „Woman“?
Claudia Siegel: Die Idee entstand zunächst im kleinen Kreis. Wir haben uns mit Freundinnen zu Kleidertauschabenden getroffen, mit Prosecco und Chips, und plötzlich waren Sachen, die ich nicht mehr haben wollte, für andere Frauen total interessant. Der
eigentliche Knackpunkt war dann, meinen damaligen Mann Harald Siegel davon zu
überzeugen, dass nicht nur ich so ticke, sondern ganz viele Frauen: dass man eine zehnte Jeans kauft, obwohl schon ähnliche im Schrank hängen, und trotzdem das Gefühl hat, nichts zum Anziehen zu haben. Als er schließlich sagte: „Okay, wir machen das“, war das der entscheidende Moment. Dann haben wir die Messehalle gebucht, ich habe Klinken geputzt und überall von der Idee erzählt.
Sie mussten also erst Überzeugungsarbeit leisten?
Ja, auf jeden Fall. Ich selbst habe immer daran geglaubt, aber ich musste erst einmal vermitteln, dass daraus wirklich ein großes Format werden kann. Heute sagt Harald noch immer, dass er anfangs nicht geglaubt hätte, wie gut dieses Profil „Frau“ funktioniert. Genau das war für mich aber immer klar.
Wie hat sich der Blick auf Secondhand in den vergangenen 22 Jahren verändert?
Früher hätten viele gut situierte Frauen nie offen gesagt, dass sie gebraucht kaufen. Secondhand und Flohmarkt hatten oft noch ein anderes Image. Heute ist das anders. Man kann ganz selbstverständlich erzählen, dass man ein tolles Teil für wenig Geld gefunden hat, und erntet dafür eher Bewunderung. Es geht nicht mehr nur um das Schnäppchen, sondern auch um Stil, Individualität und Qualität.
War Nachhaltigkeit von Anfang an Teil Ihres Konzepts?
Nein, so würde ich das nicht sagen. Vor 22 Jahren hatte ich das Thema Nachhaltigkeit
nicht bewusst im Kopf. Mich hat eher die Idee begeistert, dass Frauen tolle Sachen im Schrank haben, die sie nicht mehr tragen, und andere sich darüber freuen. Dass Kleidung weitergegeben wird, statt ungenutzt herumzuhängen, war für mich selbstverständlich. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist dann mit den Jahren stärker geworden – auch, weil Fast Fashion immer extremer geworden ist.
Was fasziniert Sie persönlich bis heute an Mode?
Mich fasziniert, wie Mode funktioniert und wie sehr sie uns beeinflusst. Da gibt es am Anfang der Saison eine Hose oder einen Schuh, den man erst gar nicht schön findet.
Dann sieht man dieses Teil immer wieder in den Medien, bei Models, in Geschäften – und irgendwann mag man es plötzlich selbst.
Das ist spannend und manchmal auch ein bisschen erschreckend. Mode macht etwas mit uns.
Woran erkennen Sie sofort, ob ein Kleidungsstück besonders ist?
Meistens an Qualität und Schnitt. Während der „Woman“ habe ich gar nicht so viel Zeit zum Shoppen, weil ich ständig unterwegs bin und organisatorisch zu tun habe. Aber wenn mir etwas ins Auge springt, dann oft ein besonderer Pulli, eine Strickjacke oder ein Mantel. Ich achte auf gute Materialien und darauf, ob ein Teil besonders gearbeitet
ist.
Was macht Bremen für die „Woman“ zu einem so guten Standort?
Ganz klar die Messehalle. Das ist ein riesiger Vorteil. Der Standort ist zentral, die Halle
ist mit 10.000 Quadratmetern riesengroß, ebenerdig und überhaupt nicht verwinkelt. Die Ausstellerinnen können bequem anliefern, und auch für die Besucherinnen ist das
ideal. Wir sind ja damals in Halle 3 gestartet und dann schnell in Halle 5 gewechselt.
Diese Dimension und diese Bedingungen sind wirklich etwas Besonderes.
Inzwischen gibt es viele ähnliche Formate. Wie blicken Sie darauf?
Anfangs hat mich das schon geärgert. Mittlerweile sehe ich es sportlicher und bin auch ein bisschen stolz. Offenbar war die Idee gut. Es gibt heute viele Nachahmer:innen auch in Bremen und umzu, aber 22 Jahre muss man erst einmal schaffen. Und die „Woman“ in der Messehalle hat einen Rahmen, den viele andere nicht bieten können.
Gibt es Wunschtermine für die Zukunft?
Ja, auf jeden Fall November sowie Februar oder März. Der November ist für Indoorveranstaltungen ein toller Monat, und Februar/März ist auch ideal, wenn der Winter noch da ist, man aber schon große Lust auf Frühling hat. In diesen Monaten merkt man richtig, dass sich die Frauen wieder Veränderung im Kleiderschrank wünschen.
Welche Trends sehen Sie aktuell?
Für den Herbst und Winter ist Braun ein ganz großes Thema, überhaupt Erdtöne. Die lassen sich wunderbar kombinieren. Bei den Schuhen bleiben Ballerinas wichtig. Und wenn ich schon weiter nach vorne schauen darf: Im kommenden Sommer wird Rot ein Trend sein – allerdings kein grelles Rot, sondern ein Ton, der leicht ins Blaue geht, also ein weiches, sehr tragbares Rot.
Braucht man einen großen Kleiderschrank, um gut angezogen zu sein?
Nein, eigentlich nicht. Ich finde, man braucht nicht unbedingt viel, wenn man
gut kombinieren kann. Das ist überhaupt der Trick. Viele denken immer, man müsse
Unmengen besitzen, aber oft reicht schon eine gute Auswahl an Teilen, die zusammen
funktionieren. Und genau das macht Mode aus: der Spaß am Kombinieren.