Zum Seitenanfang
Foto: Friedhard Neumann
29. Mai 2026

"Meine Diagnose: Akuter Tatendrang"

Immo Wischhusen öffnet die Pforten zu seiner Freizeitklinik auf der Überseeinsel

Immo Wischhusen öffnet die Pforten zu seiner Freizeitklinik auf der Überseeinsel

Zwischen Kräuterschnecke, Slackline und Sandhügel hat Immo Wischhusen seine ganz eigene Form von Medizin entwickelt: In der Freizeitklinik auf der Überseeinsel sollen Ruhe, Spieltrieb und Gemeinschaft die Heilung übernehmen. Der Macher der Kompletten Palette in Hemelingen hat mit dem Projekt seit 2024 einen neuen Ort geschaffen – eine Mischung aus Stadtoase, Experimentierraum und Open-Air-Therapiezentrum für die Seele. Im Interview mit dem STADTMAGAZIN erzählt der selbst ernannte Dr. Über, wie viel Palette in der Freizeitklinik steckt, warum hier Prophylaxe statt Behandlung gilt – und weshalb Bremen Orte wie diesen dringend braucht.

Immo Wischhusen? Flowin Immo? Dr. Über – Facharzt für Loopologie?
Wie möchten Sie am liebsten angesprochen werden?

Immo Wischhusen (lacht): Ich höre auf alle drei. Dr. Über ist meine neue Rolle – halb Spaß, halb Konzept. Den passenden weißen Kittel habe ich letztes Jahr zu meinem 50. Geburtstag bekommen, und seitdem gehört er irgendwie dazu. Aber eigentlich bin ich immer noch Immo: Musiker, Raumgestalter, Mensch mit Ideen.

Sie haben mit der Kompletten Palette in Hemelingen schon ein
außergewöhnliches Kulturprojekt geschaffen. Wie kam die Verbindung
zur Überseestadt zustande?

Durch meine Freundschaft mit Michael Scheer von der Gemüsewerft.
Ich kenne das Gelände auf der Überseeinsel schon seit 2019.
Damals war ich beim Jubiläum zum 120-jährigen Bestehen von Werder Bremen dabei, das in der Alten Werft gefeiert wurde. 2023 sprach mich Frauke Wilhelm von der Golden City Hafenbar an,
ob ich ihre Container übernehmen möchte. Letztendlich ist über eine Reihe an Gesprächen der Kontakt zu Klaus Meier, Inhaber der Überseeinsel GmbH, entstanden. Per Handschlag haben wir das
Abkommen besiegelt, dass ich die Brachfläche auf der Überseeinsel
über zunächst fünf Jahre in einen Kulturort transformieren soll. 2024 folgte die Eröffnung meiner heutigen Freizeitklinik.

Eine Klinik klingt zunächst nach Krankheit. Woher kommt der
Name?

Der Name kommt von der Kompletten Palette. Viele sind sich einig: Ein Besuch dort wirkt heilsam. Also dachte ich, eine Freizeitklinik passt. Hier kann man durch Bewegung, Gespräche oder einfach Ruhe spielerisch seine Energie wiederfinden.

Wie viel Komplette Palette steckt in der Freizeitklinik?

Sehr viel, allerdings auf einer ganz anderen Grundlage. Die Freizeitklinik
ist sozusagen die Tochter der Kompletten Palette. Während ich dort mit einer Idee, aber ohne praktische Erfahrung gestartet bin, bringe ich hier knapp zehn Jahre Paletten-Erfahrung mit: wie gestaltet man einen Raum unter freiem Himmel, was funktioniert und was nicht, wie holt man Menschen an Orte, die es vorher gar nicht gab. Die Freizeitklinik profitiert von all dem – vom Wissen über Aufbau, Atmosphäre und Gemeinschaft – aber sie ist kein bloßer Ableger. Sie ist die Weiterentwicklung eines Gedankens, nur dieses Mal ohne die Pflicht, jedes Jahr alles wieder abzubauen. Hier darf etwas bleiben und wachsen, sich wandeln, sozusagen eine dauerhafte Therapieform für Brachen, Räume und Menschen.

Wem verschreiben Sie einen Aufenthalt?

Allen, die Lust haben, etwas zu erleben. Wer Ruhe sucht, findet sie zwischen Obstbäumen und der Kräuterschnecke. Wer sich auspowern will, kann Tischtennis spielen, kickern, die riesige Sandkiste für Spiele aller Art nutzen oder auf dem Trampolin abheben. Familien mit Kindern, feierlustige junge Leute und die neugierige Nachbarschaft: Ich möchte die Zielgruppe Mensch ansprechen.

Wie sieht für Sie ein perfekter Wochenendtag in der Freizeitklinik
aus?

 

Vormittags ist noch alles ruhig, hier und dort spielen Kinder im Sand. Nachmittags wird es lebendiger – die ersten Runden Rundlauf an der Tischtennisplatte werden gespielt und der Berg mit Rutsche zunehmend vereinnahmt. Dazu gibt es Kaffee und Kaltgetränke an unserer Heilbar – getreu dem Motto „Durst ist heilbar“. Abends zünden wir das „Laberfeuer“ an und wer möchte, setzt sich dazu. Das Gelände ist offen, solange die Bar geöffnet ist.

Sie sprechen in Bezug auf die Freizeitklinik von Heilwirkungen.
Welches ist Ihr persönlicher Lieblingsplatz?

Ich habe viele Sitzplätze gebaut, sitze selbst aber eher selten. Doch wenn ich mich mal auf einer der Bänke im Gebüsch zurücklehne, kann ich tief durchatmen. Von dort aus hat man den perfekten Blick auf das Wasser und kann die Gezeiten beobachten. Wenn Ebbe ist, sieht man die Überreste der ehemaligen Atlas-Werft. Wenn die Flut kommt, spürt man, wie alles in Bewegung ist. Genau dieses Zusammenspiel ist sinnbildlich für meine Arbeit.

Wer gehört eigentlich außer Ihnen zum Klinikpersonal?

Es gibt eine Handvoll Menschen, die jetzt schon an der Heilbar Substanzen verabreichen, aber die Klinik ist modular und für externe Kräfte offen, sprich: Auch andere Menschen, die Aktivitäten anbieten, können gerne auf mich zukommen, um diesen Ort dafür zu nutzen.

Welche Rolle spielt die Freizeitklinik in der Kulturszene?

Ich nutze das Gesamtprojekt als Labor für Kreativität, für den Versuch, ein kleines Stück heile Welt, einen friedlichen Ort zu bereiten. Ein Landeplatz für Begegnungen, zum Spielen, Musizieren und Tanzen – draußen, unperfekt und menschlich.

Sind künftig auch musikalische Behandlungen geplant?

Auf jeden Fall. Die bisherige Bühne der Kompletten Palette wurde just in der Freizeitklinik wieder aufgebaut und wird in diesem Sommer dort bespielt. Wir eröffnen sie am 13.6. beim Rummel & Rave mit dem Kuckuck-Kollektiv, außerdem sind weitere elektronische Tanzveranstaltungen und Konzerte in Vorbereitung. Ich möchte ausprobieren, wie viel Musik auf der Überseeinsel verträglich ist, bevor rundherum bebaut wird. Es gibt auch die Möglichkeit, die Freizeitklinik für Geburtstage oder Team-Events zu mieten.

Wie finanziert sich das Kulturprojekt?

Anders als bei der Kompletten Palette sind für die Freizeitklinik aktuell keine Fördergelder vorgesehen. Das Gelände wird mir von der Überseeinsel kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wir finanzieren uns darüber hinaus über den Verkauf an unserer Heilbar, an der auch eine freiwillige Praxisgebühr entrichtet werden kann. Ich baue weiterhin darauf, dass die Gäste den Wert eines Aufenthaltes erkennen und dafür ihren Beitrag leisten.

Wie eingangs erwähnt, gibt es einen
Fünfjahresplan für die Freizeitklinik: Was wünschen Sie sich bis 2030?

Ich wünsche mir, dass sich der Ort etabliert hat und die Bremer und Bremerinnen sagen: „Mir reicht‘s, ich geh in die Klinik.“ Was danach kommt? Wer weiß. Es gilt, die Gegenwart zu gestalten. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, Räume zu schaffen, die Menschen
verbinden.

Halten Sie es mit der Philosophie „Nie fertig zu sein, ist das Ziel“?

Absolut. Ich sehe die Freizeitklinik wie ein Puzzle – sie ist organisch, offen und nie abgeschlossen. Mir geht es ums Werden, nicht ums Fertigsein. Meine Diagnose lautet: ‚Aktiver Tatendrang.‘

Von wem oder was lassen Sie sich inspirieren?

Vor allem von Menschen, die etwas gestalten. Von dem Material, was mir zufliegt, von der Musik und von der Weser – sie fließt einfach weiter, auch wenn Baustellen, Pläne und Bürokratie drumherum toben.

Weitere Beiträge