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Foto: A. Zuchold
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
9. Juni 2026

Immer der letzte Tag

Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an die Magie des letzten Tages in seiner Jugendzeit,

Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an die Magie des letzten Tages in seiner Jugendzeit,

Egal, ob Klassenfahrten, Schulfreizeiten, Zelturlaube oder Ferienlager – irgendwie gab es bei jeder dieser Ferienbeschäftigungen eine Gesetzmäßigkeit, die zwar die wenigsten erklären, aber an die sich die meisten erinnern können. Was ich meine, ist dieser magische letzte Tag vor der Abreise.
Man hatte gerade eine, zwei oder drei Wochen in großen Gemeinschaftszelten an einem See, in einer Jugendherberge oder in einem kernigen Pfadfinderferienlager im Wald verbracht. Dort hatte man mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen an Lagerfeuern Stockbrot gegrillt, sein Äußeres während einer Nachtwanderung von Mücken verschönern lassen, kleinere, oder größere erlaubte und nicht erlaubte Partys gefeiert sowie beim Küchendienst so manche Metallkanne von Früchteteeresten befreit und Marmeladenrückstände von langen Tischen gewischt.

Mit alten und neuen Kumpels wurde im nächtlichen Schlafsackgespräch die Welt erklärt, und natürlich gab es immer die einen oder anderen Auserkorenen, die Spott, Streiche und Witzeleien ertragen mussten. Hagebutten-Juckpulver im Kuschelkissen, Regenwürmer in Gummistiefeln, zusammengenähte Socken oder Kleckermatsch auf der Toilettentürklinke: Die Ideen waren mannigfaltig – Hauptsache, es traf einen nicht selber. Trotz solcher Streiche oder kleinerer Ärgereien lernte man ganz nebenbei, wie ein gutes Miteinander funktioniert: Die Älteren passten auf die Jüngeren auf, man hielt zusammen – irgendwo zwischen Tom Sawyer und Hanni & Nanni auf dem Reiterhof.

Die Zeit verging unbeschwert und meist erfolgreich beaufsichtigt – bis irgendwann der Bus wieder auftauchte, der unsere Zwangsgemeinschaft Wochen zuvor hier abgesetzt hatte. Eine Horde mehr oder weniger wohlriechender Kinder und Jugendlicher war bereit, mit kleineren Blessuren, größerem Schlafbedarf sowie Koffern voller Dreckwäsche und Erinnerungen den Heimweg anzutreten.

Und dann passierte es – wie ein Naturgesetz. Eine unausgesprochene Regel, seit Generationen fest verankert im Ferienprogramm der Kinderverschickungen: Es geschah IMMER am letzten Tag. Am letzten Tag am See, im Wald, in den Bergen oder in der fremden Stadt – plötzlich fiel einem dieses Mädchen aus der Parallelklasse oder dieser Junge aus der anderen Zeltgruppe auf. Am letzten Abend vor der Abreise unterhielt man sich beim Abschlussabend plötzlich mit ihr oder ihm – und hatte so ein komisches Gefühl dabei. Man hielt plötzlich eine fremde Hand und wünschte sich inständig, dass dieser Abend und am besten der ganze Ausflug bitte noch nicht so schnell enden möge. Warum passierten diese Begegnungen nicht gleich zu Beginn der gemeinsamen Zeit oder zumindest in der Mitte? Nein, es war immer kurz vor dem Abschied, und was dann folgte, waren Sehnsucht, Verklärung und was man viele Jahre später vielleicht „die erste Liebe“ nannte; denn die fanden viele tatsächlich in den
Ferien – und das immer am letzten Tag.

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