„Ich bin meiner eigenen Geschichte entsprungen“
Jonny Glut zwischen Meer, Musik und Milchquartier
Wenn aus einem Fenster in der Köpkenstraße leise Akkordeontöne gleiten, wissen viele Nachbarn: Jonny Glut probt. Musiker, Dichter, Seemann – und Urgestein des Viertels. Seit mehr als 40 Jahren lebt der gebürtige Hamburger im Milchquartier, gleich gegenüber der Sankt-Pauli-Straße – dort, wo die Altbremer Häuser sich ans Kopfsteinpflaster schmiegen.
„Ich hatte irgendwann den Rappel – zurück in den Norden“, erzählt er und lacht, so wie jemand lacht, der eine Menge Häfen hinter sich hat. Nach einer Jugend in Hamburg, einer Studienzeit im Südwesten Deutschlands und zwei Jahren in den USA landet er 1980 in Bremen. Eine Stadt im Aufbruch, wie er sagt, mit neuer Uni. Eine alternative Stadt „für diejenigen, die in Berlin nicht landen wollten oder konnten, aber trotzdem was verändern wollten“. Erst wohnt er in der Reederstraße, dann in einer WG Auf den Häfen. Fünf Erwachsene und drei Kinder leben dort in einer großen Wohnung – dazu zwei Perlhühner mit Hahn auf dem Balkon.
Musik begleitet ihn schon damals: „Ich war Mitbegründer der legendären Rockband Die Stehpisser“, erzählt Jonny mit glucksendem Lachen. Die Band ist heute noch aktiv. „Unser Rekord war, innerhalb von zehn Minuten ein ganzes Festzelt bei dem besetzten Haus der Pfadfinder am Hulsberg leerzuspielen – so genial waren wir.“ Und wieso dieser Bandname? „Bei den Proben wurde viel Bier getrunken, und wir hatten wenig Zeit.“
Später zieht er mit seiner Familie ins eigene Haus im Milchquartier. Ein Glücksfall, erzählt er: „Meine Eltern waren gestorben, das Hamburger Haus verkauft, und ich hab von dem Geld hier was gekauft. Ab da war klar: Jetzt wirst du Künstler.“
Ursprünglich ist Jonny Glut kein Musiker. Er kommt über die Literatur. In den 1980er‑Jahren schreibt er Prosa – über einen Matrosen, der aus dem Meer auftaucht, ein Gestrandeter zwischen Wirklichkeit und Fantasie, und der hieß Jonny Glut. „Ich bin so gesehen meiner eigenen Geschichte entsprungen und nie wieder ganz zurückgegangen“, sagt er. Das Spiel mit Identität fasziniere ihn: „Wer ist Autor, wer Figur? Wann bist du du?“ Hubert, sein bürgerlicher Name, klinge nicht nach Seemann. Also blieb Jonny Glut. Mit Schirmmütze, rauer Stimme, Akkordeon und Gitarre, immer ein bisschen salzig im Ton.
Seine Anfänge als Musiker sind spät, aber folgerichtig. „Ich war vorher in einer Schüler‑Rockband, aber das Akkordeon, das ich zum 17. Geburtstag bekam, passte überhaupt nicht.“ Erst viele Jahre später, inspiriert von Ry Cooder und dessen Tex‑Mex‑Sound, zieht Jonny Glut das verstaubte Instrument wieder aus dem Koffer. „Akkordeon war auf einmal wieder cool“, sagt er schlicht.
Er nennt seine Musik „Waterkantry“ – eine Mischung aus Seemannslied, Country und Folk aus den USA. „Ich sing vom Meer, aber mit Bodenhaftung. Nicht von Palmenstränden, sondern vom Schlick unter den Stiefeln.“ Seine Lieder sind bittersüß, ironisch und zärtlich zugleich. Vier CDs, ein schmales Buch, ein Hörbuch, eine EP hat er veröffentlicht. Und jetzt das neue Projekt „Der große Fang“. „In meinen Shows verbinden sich Geschichten und Musik. Und wie bei einer guten Seefahrt weiß man nie genau, wo man anlegt – aber man kommt immer irgendwo an.“
Jonny Gluts Leben verläuft nie geradeaus. Nach seiner Rückkehr ist er Segelmacher, Sozialpädagoge und Deutschlehrer. Am Abend tingelt er mit Gitarre und Akkordeon durch die Kneipen. „Das war eine gute Schule. Wenn du da nicht lernst, Menschen zu lesen, lernst du’s nirgends.“ Sein Verhältnis zum Meer bleibt zentral. „Ich bin früher schon in Hamburg auf der Elbe gesegelt und hatte später hier in Bremen mein eigenes Boot.“ Zeitweise ist er auf Binnenschiffen auf dem Mittellandkanal unterwegs. Seine damaligen Kollegen: „Darunter waren Leute, die entweder Romantiker oder Verrückte waren – und manchmal beides.“ Einmal bleibt das Boot beim Nachtschub im Kanal stecken – eine Episode, die exemplarisch ist. „Mein Leben war kein gerader Kurs.“
Über das Viertel kann er stundenlang erzählen. „Als ich kam, war Bremen eine Stadt mit Seele. Das Milchquartier war ein Treffpunkt für Politisch‑Wache, Künstler, Nachbarn, die was bewegen wollten. Am Eck hing das Anti‑Atomkraft‑Schild, bei Pauls Kloster kochte einer Suppe, im Schuster gab’s Soleier aus riesigen Gläsern.“ Dann hebt er den Kopf: „Heute muss man die Freiräume suchen. Früher lag Kultur auf der Straße.“
Er zählt alte Stammorte auf, jedes Lokal mit einer Erinnerung. „Pauls Kloster – da gab’s Abende, die nie endeten. Oft gingen wir ins Lokal Beim Steinernen Kreuz, und mindestens einmal im Monat spielten wir im Gerken, das war damals eine feste Institution in der Feldstraße.“ Jetzt blickt er anders auf das Viertel: „Ich geh nicht mehr oft in Kneipen. Meine wilden Zeiten sind vorbei. Aber ich schau gern rein, wenn irgendwo einer spielt.“
Viele Freundschaften sind geblieben: Mit der Akkordeonistin Gisela Fischer spielt er regelmäßig. Und natürlich ist da noch seine seit vielen Jahren bestehende Formation, die KinkenBand. Sie alle verbinde die Liebe zur Livemusik in Zeiten der Streaming‑Beliebigkeit. „Früher musstest du dich bewegen, wenn du Musik willst. Jetzt wischst du nur noch über den Bildschirm. Musik wird viel weniger wertgeschätzt, weil sie überall umsonst ist. Aber ich mache weiter – wegen der Begegnung, außerdem zahlt die GEMA Geld dafür.“
Darum gibt es heute seine „Blaue Gitarre“. Die Aktion ist halb Kunstprojekt, halb Geselligkeitsidee. „Ich lasse alte Gitarren blau anmalen und bringe sie zu Leuten, die Konzerte organisieren. Wenn sie danach im Laden hängt, bekommt der Veranstalter die Gitarre geschenkt. So bleibt was an der Wand. So entsteht Erinnerung.“
In diesen Monaten ist Jonny Glut wieder verstärkt unterwegs auf kleinen, vertrauten Bühnen. Seine „Blaue‑Gitarre‑Konzerte“ führen ihn durch Cafés, Stadtteilkneipen und kleine Theater – in Bremen, in der Küstenregion, auf Spiekeroog und Norderney. Im Frühjahr steht er beim Torfhafenfest in Bremen‑Findorff auf der Bühne, im Sommer folgen Inselkonzerte und eine neue Ausgabe seiner Show „Der große Fang“ – eine poetische Mischung aus Lesung, Musik und Seemannsgarn. „Ich spiele am liebsten da, wo das Publikum nah ist, sagt er. „Man muss spüren, wie die Luft im Raum mitschwingt.“
Ein anderes Projekt ist die legendäre Kutterpflaume: Pflaume in Rum mit je einem Song via QR-Code. Besonders gut läuft der Verkauf auf Norderney und natürlich auch im Litaß, am Weserbogen und anderen Kneipen. „Die Kutterpflaume hat’s bis in Die Strandbar geschafft. Vielleicht schafft’s die ‚Blaue Gitarre‘ ja noch nach San Sebastian.“ Er lacht. „Da oben, auf der kleinen Insel in der Bucht La Concha, da will ich ein Konzert geben. Mit Grünkohl und Gitarre. Das wär’s.“
Trotz aller Umtriebigkeit – Jonny Glut bleibt seinem Viertel treu. Seine Kinder sind hier großgeworden, die Nachbarn kennen ihn, im Litfaß gibt’s immer ein Gespräch und jedes Jahr zur Weihnachtszeit das Kultkonzert mit Jonny Glut und seiner KinkenBand draußen vor dem Lokal.
Und wo ist er am liebsten? „Im Bootshaus am Weserbogen“, sagt er, „da kannst du dich hinsetzen, aufs Wasser und auf die Boote im Hafen schauen, sabbeln – wie nach dem Segeln, wenn alle was erlebt hatten.“ Dann lehnt er sich zurück, zieht die Schirmmütze tiefer. „Ich bin noch gerne unterwegs“, sagt er nachdenklich. „Aber ich hab gelernt, was ein guter Hafen ist. Der schönste – der ist hier ums Eck.“