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Dirk Böhling. Foto: FR
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
28. Februar 2024

Hurra, wir leben noch!

In diesem Monat widmet sich unser Kolumnist Dirk Böhling wie immer humorvoll der unbeschwerten Kinderzeit der Baby-Boomer.

In diesem Monat widmet sich unser Kolumnist Dirk Böhling wie immer humorvoll der unbeschwerten Kinderzeit der Baby-Boomer.

Wie haben unsere Eltern das eigentlich geschafft? Dass Tochter oder Sohn allein den Weg in die Grundschule gefunden haben – geschenkt. Dass dieselben nach der Schule wieder allein nach Hause kamen und sich das Mittagessen vielleicht selbst warm machen mussten, weil beide Eltern arbeiteten – okay. Sogar die Tatsache, dass sich der Nachwuchs selbstständig darum gekümmert hat, die Schultasche zu packen und die Hausaufgaben zu erledigen – kein Thema. Aber was danach passierte, wäre heute bei den meisten Erziehungsberechtigten die reinste Horrorvorstellung.
Da verlassen die Kinderchen doch tatsächlich ohne Aufsicht das heimische Nest, um die Freundin oder den Freund drei bis sechs Straßen weiter zu besuchen. Danach erlauben sich die beiden Kleinen allen Ernstes ganz unbegleitet einen gemeinsamen Ausflug auf den Spielplatz oder sonst wohin und wenn es ganz schlimm kommt, wird sogar durch den Wald gestromert.
Ja, und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, weiß tatsächlich kein Elternteil wo die Kinder sind oder was sie tun – und das Ganze ohne Mobiltelefon.
Das Einzige, woran sich Mama und Papa klammern konnten, war eine vereinbarte Uhrzeit, wann man wieder zu Hause zu sein hatte. Und das Unvorstellbare dabei war: Es hat funktioniert. Die Kinder waren zum Abendbrot zurück und die Eltern haben nicht einmal gefragt, wo sie denn gewesen sind. Zugegeben, das würde ich heute aus der Elternperspektive vielleicht auch nicht mitmachen.

Doch damit nicht genug: Die Gefahren, denen wir Baby-Boomer-Kinder ausgesetzt waren, lauerten überall! Während der Autofahrt, als wir auf der Rückbank quer liegend mit Wolldecke wegschlummerten, weil es noch keine Anschnallgurte gab. Im Restaurant, als wir mit den Eltern Schnitzel aßen und am Nebentisch die Skatrunde um die Wette rauchte. Oder als wir mit dem Fahrrad ohne Helm und im Sommer auch gerne barfuß über Stock und Stein sausten. Heute undenkbar – aber damals üblich. Wer hingefallen war und sich die Knie aufgeschlagen hatte, hörte nicht selten den Spruch: „Wird Zeit, dass du lernst, wie man eine Schleife bindet!“ Und wer sich im ehrlichen Zweikampf mit dem Jungen aus der Parallelklasse blaue Flecken geholt hatte, zeigte sie nicht ohne Stolz mit den Worten: „Aber Burkhard hat mehr!“ Bei Beulen, Schrammen und Kratzern gab es statt Kur und Massage ein Pflaster, dazu ein Glas gelbe Brause und ein ermutigendes „Ist nicht so schlimm!“ – das war’s.
Natürlich haben sich die Zeiten geändert und die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, natürlich sehen wir heute ab und zu genauer hin, was die Kinder tun. Aber muss Papa deshalb gleich zum Bodyguard und Mama zum Personal Trainer mutieren? „Mehr Bullerbü – weniger Alcatraz!“, möchte ich da laut rufen und denke dabei an diesen kleinen, aber feinen Spruch, von dem ich leider nicht weiß, wer ihn einmal erfunden hat: „Kinder, die nichts dürfen, werden Erwachsene, die nichts können!“

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