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Foto: A. Zuchold
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
17. März 2026

Hempels Sofa und Barthels Most

Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an bekannte Sprichwörter und Redensarten aus seiner Kindheit.

Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an bekannte Sprichwörter und Redensarten aus seiner Kindheit.

Wahrscheinlich sind wir Baby-Boomer die letzten, die mit Sprichworten dieser Art komplett zugetextet wurden. Ich meine Redensarten aus der Tiefe der Familiengruft, die sich über Generationen hinweg gehalten haben, bis tatsächlich niemand mehr wusste, woher sie eigentlich gekommen waren – jedenfalls so lange nicht, bis Google, Wikipedia und Co. sie ausgegraben, entstaubt und uns ihren Ursprung erklärt haben. Manches habe ich aber nicht nachgeschlagen, um mir die kindlichen Illusionen von früher zu bewahren – und weil man auch nicht alles wissen muss.
Ich frage ich mich also bis heute, wo eigentlich diese Hempels wohnen und wie es unter deren Sofa aussieht, wo ein gewisser Barthel den Most holt und wieso ich beim Abwarten Tee trinken muss. Solche Sprüche sind es, die meine Oma an meine Mutter und mein Opa an meinen Vater weitergegeben haben, um sie dann allesamt an mich zu vererben, ob ich wollte oder nicht. Sie haben sich in den Sprachschatz der Baby-Boomer eingefräst, von Gruben, die man anderen gräbt, Schläuchen, auf denen man steht, und letzte Löcher, aus denen man pfeift, bis hin zu alten Schweden, längeren Hebeln, an denen man sitzen kann, und Bürgersteige, die sich hochklappen lassen.Früher wurden wir alleingelassen mit unseren Fragen. Niemand erklärte uns, warum Schießhunde aufpassen, Dinge an großen Glocken hingen oder Scheunendrescher wohl viel fraßen. Wie fanden uns damit ab, dass man auf Wolken schwebt oder aus ihnen fällt, auf Tuchfühlung oder auf Barrikaden geht, an Hungertüchern nagt, an seidenen Fäden hängt und nur mit Wasser kocht.

Besonders gern genommen war in diesem Zusammenhang auch die Tierwelt! Verrückt gewordene Hunde in Pfannen, Hasen im Pfeffer, Hähne in Körben, wissende Geier und steppende Bären. Es gibt wohl keine andere Generation, die mit so vielen alten und neuen Redensarten aufgewachsen ist wie wir! Schließlich kamen zu den mittelalterlichen Prangern, an denen man stand, Daumenschrauben, die man anlegte, Hunden, auf die man kam, hohen Kanten oder altes Schrot und Korn auch neue geflügelte Worte und Sinnsprüche. Ein englisches Spiel hinterließ einen Trick mit der Nummer 17, eine farbige Karte, die ein Schiedsrichter beim Fußball braucht, wurde nach seiner Gesäßtasche benannt und wenn man mit Äpfeln und Eiern bezahlte, hatte man ein Schnäppchen gemacht. Zu einer relativen Berühmtheit gelangten auch die zwei Enden einer Wurst, ein nicht besonders kleiner Zampano, Socken, aus denen geschossen wurde, Töchter von Pastoren und ein gewisser Oskar, der wohl sehr frech gewesen ist …
Sie ziehen sich durch unser Leben bis ins Hier und Jetzt, und sicherlich werden auch nachfolgende Generationen noch das eine oder andere wachsame Holzauge, ein paar liebe Schollis oder hier und da herausgelassene Säue kennen. Ein Sprichwort meiner Oma kommt mir immer kurz vor Weihnachten in den Sinn, wenn ich an den rotgefärbten Herbsthimmel schaue. „Die Engel backen Brot“, pflegte sie dann zu sagen, und bis heute wird mir bei diesem Satz warm ums Herz! Ich wünsche eine schöne Adventszeit!

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