Zum Seitenanfang
Foto: Horst Baraczewski
#Kolumne – Matthias Höllings
25. Juni 2024

Hätten Sie es gewusst?

Unser Kolumnist Matthias Höllings widmet sich in diesem Monat dem „Renn-Tiger“ Maskottchen der "Six-Days Bremen"

Unser Kolumnist Matthias Höllings widmet sich in diesem Monat dem „Renn-Tiger“ Maskottchen der "Six-Days Bremen"

Wir schreiben das Jahr 1254. Alles beginnt mit der Geburt des venezianischen Händlers Marco Polo, der Jahre später durch die Aufzeichnungen seiner Chinareise bekannt wird. Ob Marco Polo wirklich das große Land hinter der hohen Mauer erreicht hat oder nicht, darüber streiten sich bis heute die Gelehrten. In seinen Aufzeichnungen soll er jedenfalls unter anderem eine bläuliche Katze erwähnen, die persische Diplomaten als Gastgeschenk vor Ort in China überreicht haben. Als 1291 seine Rückreise nach Venedig beginnt, hat Marco Polo neben viel Rohseide und Edelsteinen angeblich auch diese Perserkatze und zusätzlich einen indischen Tiger im Gepäck. Den Tiger beschreibt er in seinem Reisetagebuch als Löwen, da er damals keine Tiger kannte. Ab da verliert sich die Spur der beiden Tiere. Erst einige hundert Jahre später soll im italienischen Antoniter-Kloster in Mailand eine Schriftrolle gefunden worden sein, in der von einem königlichen Tiger die Rede ist. Die Grundfarbe seines Fells wird als ein leuchtendes Rot-Gelbbraun beschrieben, mit breiten, schwarzen Streifen und einem weißen Bauch. In dieser Schriftrolle aus dem Jahre 1700 wird weiter erwähnt, dass je nach Sonnenstand und Lichteinfall das Fell des zahmen Tigers im Klosterinnenhof bläulich-rot erschien. Das Tier wurde als ruhig, zurückhaltend und mit mäßig ausgeprägtem Freiheitsdrang beschrieben. Es sei daher sehr gut auch ohne Freilauf zu halten.
Am 14. April 1907 wird außerdem im Rahmen eines Radrennens in Mailand / San Remo über ein entlaufenes blau-rotes Tigerbaby berichtet. Einer der damals 33 teilnehmenden Rennfahrer soll, knapp in Führung liegend, am Straßenrand gestoppt haben, um das Tier nicht unter die Räder kommen zu lassen.

Der Fahrer verschenkte damit zwar seinen sicheren Rennsieg, gewann mit dieser Aktion aber die Herzen des Publikums.
Danach verliert sich die Spur des Tieres – bis vor einigen Jahren: Zu Ehren der damaligen Rettungsaktion nehmen die Veranstalter der „Sixdays Bremen“ 2013 diesen „Renn-Tiger“ als Vorlage für ihr Maskottchen in ihr Team auf.
Der Zeitzeuge und heutige Leiter der diesjährigen Sixdays, Mario Roggow, erinnert sich: „Viele Sportvereine haben ihr eigenes Maskottchen. Die Sixdays hatten das nicht. Das wollte ich ändern.“ Roggow wendet sich an eine Firma für Maskottchen, die ihm in Anlehnung an die Bremer Stadtmusikanten eine Skizze mit einem grauen Eselskopf schickt, den sie „Didi Drahtesel“ nennen. Protest kommt vom damaligen und heutigen sportlichen Leiter Erik Weißpfennig: „Ein Esel gilt als störrisch, langsam oder er bleibt einfach stehen. Das passt überhaupt nicht zum Tempo der Fahrer bei den Sixdays.“ Roggow vergibt den Auftrag daraufhin an den Emder Grafiker Robert Sgrai, der für das dortige „Otto-Huus“ arbeitet und für die Sold-Out-Awards der ÖVB-Arena verantwortlich ist. „Er benötigte nur eine Woche und unser Tiger-Maskottchen war geboren,“ erinnert sich Roggow.
Speedy stammt also nicht aus China oder Mailand, sondern wurde in Ostfriesland geboren. Hätten Sie’s gewusst? Wenn er vom 12. bis zum 15. Januar dann wieder bei den Sixdays herumtigert, muss kein Fahrer überraschend für ihn stoppen – Speedy ist nicht zu übersehen.

Weitere Beiträge