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Foto: A. Zuchold
#Kolumne – Baby Boomer Böhling
1. September 2026

Für alles gut

Unser Kolumnist Dirk Böhling fragt "Alles gut?"

Unser Kolumnist Dirk Böhling fragt "Alles gut?"

Es gab zu jeder Zeit neue Trends in der Kommunikation. Jede Generation ließ neue Wortschöpfungen aufpoppen – alte Worte verschwanden, neue kamen. Das gilt auch für die Frage nach dem Wohlbefinden.

Wo früher „Ist es Ihnen wohl?“ im Raum stand, fragte man später gern, wie es denn um das Gegenüber „bestellt“ sei. Unsere Urgroßeltern erkundigten sich nach dem „werten Befinden“, Oma und Opa wollten wissen, „wie es geht oder steht“, und unseren Eltern reichte oft ein schlichtes „Was macht das Leben?“ – was nichts anderes bedeutete als „Ist alles wohlauf?“. Spätere Nachfragen wie „Alles klar?“, „Was macht die Kunst?“ oder „Was gibt es Neues?“ klingen heute eher antiquiert.

Als wir Baby-Boomer dem Sprachschatz unserer Altvorderen entwachsen waren, hörte man gern: „Wie ist es so?“, „Was machst du so?“ oder „Was geht ab?“. In der Folge pubertärer Sprachverkürzungen wurden daraus „Wie isset?“, „Was machste?“ und „Was geht?“. Zu den Klassikern zählen auch „Was läuft?“, „Wie läufts?“, „Läuft bei dir?“, „Alles fit?“ – mal mit, mal ohne den Zusatz „… im Schritt?“ – sowie das Einfache „Na, und bei dir so?“.

Jede Zeit hatte ihre Begrüßungsfloskeln. Was mir aber aktuell in fast allen Altersklassen begegnet, lässt mich grübeln: Überall höre ich die Frage: „Alles gut?“

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wird sie gestellt und gern gleich als Antwort verwendet. Frage: „Und?“ – Antwort: „Alles gut!“. Dazu taugt sie als Reaktion auf eine Entschuldigung, als beruhigende Geste bei einer Eskalation oder nach kleineren Haushaltsunfällen. In jeder Sprachecke lauert es, dieses „Alles gut!“.

Schaut man genauer hin, sind diese zwei Worte als Frage wie als Antwort eigentlich untauglich. Bei wem ist schon „alles gut“? Die Aussage bedeutet ja: keinerlei Sorgen, alles läuft alles wie am Schnürchen, man ist gesund, gut situiert, glücklich und sorglos. Entsprechend klein wird der Kreis derer, für die „Alles gut!“ wirklich gilt. Nicht umsonst antwortete man auf die Frage „Wie geht es dir?“ wahlweise mit „Sehr gut“, „Gut“, „Ganz gut“ oder „Geht so“ – wobei Letzteres eine kurze Nachfrage verdient.

Und damit sind wir wieder bei „Alles gut“: Wer es als Frage nutzt, riskiert zwar ein „Nein“, bekommt es aber selten. Wer es als Antwort gibt, beendet das Gespräch gleich mit. Vielleicht ist diese Formel gerade deshalb die ehrlichste Kommunikation unserer Zeit – zumindest, wenn man sich gar nicht so viel über Persönliches unterhalten möchte. Es gibt eben Worte, die sind tatsächlich für alles gut!

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