Erlebnisgastronomie?
Unser Kolumnist Matthias Höllings sinniert über den traditionellen "Gruß aus der Küche"
Das waren noch Zeiten, als man sich als Belohnung für einen hektischen Arbeitstag mit seiner Partnerin in einem Restaurant zum Essen verabredet hat. Vorher hat man eventuell einen Tisch reserviert und dann vor Ort geschaut, was die Speisekarte so zu bieten hat. Hilfreich, freundlich und nett war dann die Bedienung bei Sonderwünschen oder bei Empfehlungen, welcher Wein am besten zu welchem gewähltem Gericht passt.
Als Starter gab es einen kleinen Gruß aus der Küche, entweder aus lauter Nettigkeit, oder um den Gästen die Wartezeit ein wenig zu verkürzen. Zum Abschluss folgte ein kleiner Absacker auf Kosten des Hauses. Da fiel es leicht, ein ordentliches Trinkgeld zu geben.
Wie gesagt, das waren noch Zeiten, die langsam aber sicher vorbei zu sein scheinen. Schon bei der Reservierung droht Ungemach in Form von Strafzahlungen bei Nichterscheinen. Und vor Ort hört man statt: „Darf ich Sie zu Ihrem Platz begleiten?“ ein emotionsloses „Ihr Platz ist da hinten rechts!“. Auf dem Tisch steht ein Aufsteller mit einem QR-Code, für den Zugriff auf die digitale Speisekarte. Wer jetzt sein Smartphone extra zu Hause gelassen hat, um sich mit seinem Gegenüber zu unterhalten, hat Pech gehabt und bleibt hungrig.
Alle anderen, die es gewohnt sind, mit ihren Sonderwünschen zu punkten und statt Zwiebeln lieber mehr Tomaten bevorzugen und auf keinen Fall Knoblauch wünschen, fühlen sich ein wenig an die elterlichen Rituale erinnert, bei denen es stets und ständig hieß: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, basta!“
Und was ist mit dem Gruß aus der Küche? Da grüßt niemand mehr, und den Absacker darf man auch noch selber zahlen. Bleibt die Frage: Wofür war jetzt noch mal genau das Trinkgeld, der kleine Obolus für eine gute Dienstleistung? Geschenkt.
In der Gastronomie, die auch von persönlichen Kontakten lebt, herrscht seit langem akuter Personalmangel. Kann da die digitale Speisekarte Abhilfe schaffen, oder dient die Digitalisierung allein weiterer Wegrationalisierung von Arbeitskräften? Die einen argumentieren so, die anderen so. Wer versucht, den Service zu vereinfachen, um im Gegenzug nicht an der Qualität sparen zu müssen, sollte sein Gesamtkonzept besser noch einmal überdenken, um nicht irgendwann wieder in den 1960er-Jahren in Amerika zu landen, in denen Automaten-Restaurants absolut hip waren. Das war die Zeit, als man bei uns zu seinem Italiener ging, sich über einen kleinen Plausch am Tisch mit dem Chef Luigi gefreut hat, um sich anschließend den ganzen Abend wie zu Hause zu fühlen.
Heute muss man Angst haben, sich wieder an seine Discobesuche in den 1980ern zu erinnern. Damals bestimmte der Türsteher die Regeln und den Fortgang des Abends.: zu alt, zu jung, falsche Kleidung, und die Mädels kommen sowieso ohne Kontrolle rein. Für einen heutigen Besuch würde das bedeuten, dass die Gäste demnächst vor jedem Lokal erst einmal vom Securitypersonal gecheckt werden: Reserviert? Für wann? Smartphone dabei? Kreditkarte? Wenn nicht: „Tut uns leid. Sie kommen hier nicht rein, aber da hinten gibt es noch einen Kiosk mit einem Snack-Automaten.“ Erlebnisgastronomie pur.