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#Kolumne – Matthias Höllings
19. Juni 2024

Erinnerungen an den Melitta-Mann

Egon Wellenbrink: Kultfigur der TV-Werbung

Sein Humor und seine Schlagfertigkeit öffneten ihm als Seiteneinsteiger die Türen bei beim Radio Bremen Fernsehen.

Sein Humor und seine Schlagfertigkeit öffneten ihm als Seiteneinsteiger die Türen bei beim Radio Bremen Fernsehen.

Wer möchte als Kind nicht gerne einen Star als Vater? Popsänger Nico Santos hatte einen, wusste es aber gar nicht. Als er 1993 in Bremen geboren wurde, war sein Vater bereits einige Jahre zuvor im deutschen Fernsehen als „der Melitta-Mann“ zur Kultfigur geworden. Da die Familie aber kurz nach der Geburt des Sohnes auf eine Finca nach Mallorca zog, entdeckte der Kleine seinen Vater lange Zeit nicht in den TV-Werbesendungen. Zehn Jahre lang war der nette Kaffee-Onkel Egon Wellenbrink auf der Mattscheibe präsent. Seinen Namen kannten alle. Egon Wellenbrink wurde von der Marketingabteilung einer Bremer Kaffeefirma aber nicht gecastet, sondern quasi auf dem Bildschirm entdeckt.

Und das kam so: Ab Anfang der 1980er-Jahre arbeitete ein ehemaliger DJ und Schallplattenladenbesitzer aus München als Seiteneinsteiger bei Radio Bremen Fernsehen: Egon Wellenbrink. Sein Humor und seine Schlagfertigkeit in Redaktionskonferenzen von „buten & binnen“ fielen dem damaligen Redaktionsleiter Dieter Lesche auf, als er zur Auflockerung des Programms einen Wettermoderator suchte. Mit den Worten „Egon, du machst das!“ war der Job vergeben und Egon „Wetterbrink“ geboren. Der neue Wetterfrosch präsentierte seine Inhalte fortan im Plauderton an den unterschiedlichsten Orten in Bremen, manchmal sogar mit prominenter Unterstützung. So war zum Beispiel Hape Kerkeling im Sender gerade mit seiner „Total Normal“-Sendung beschäftigt, als Egon ihn bat, seinen auf Deutsch gesungenen „Wetter-Blues“ vor laufender Kamera ohne vorherige Probe ins Englische zu übersetzen.

Mit einer vom Sender ausgestatteten Wetterstation im eigenen Büro, einer gehörigen Portion Blödsinn im Kopf und gelegentlich eigenen musikalischen Untermalungen wurde er in zwei Jahren schnell zur Kultfigur im norddeutschen Sendegebiet.

Statt ums Wetter ging es in den folgenden zehn Jahren um das Thema Kaffee und dabei um die richtige Sorte, den richtigen Automaten oder die richtigen Filtertüten. Ein Wagnis, denn: Kann ein Mann Hausfrauen erklären, wie man Kaffee zubereitet oder sie dazu ermuntern, einfach mal in Ruhe ein Tässchen guten Kaffee zu trinken? Egon, der Melitta-Mann, konnte das und tat es stets charmant und dabei immer verschmitzt lächelnd. Er plauderte völlig ungekünstelt direkt in die Kamera.

Zuständig für die Regie der Clips und die Texte war in den ersten drei Jahren kein Geringerer als der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger, der anfangs auf musikalische Untermalung der Spots verzichtete. Einige Werbeclips später durfte der Melitta-Mann auch sein musikalisches Talent mit in die Werbewaagschale werfen. Während auf die „Würze aus Ostafrika“, die „Milde aus Kolumbien“, das „Feuer aus Brasilien“ und das „Temperament aus Mittelamerika“ hingewiesen wurde, spielte der Melitta-Mann dazu sein Saxofon.

Für den Musiker Wellenbrink kein Problem, galt er doch schon in seiner Jugend in Wuppertal als „Banjo-King“ in einer Dixie-Kapelle. Seinen „Eierschneider“ (Banjo) schenkte er übrigens Jahre später bei einem Promi-Dinner seinem damals größten Banjo-Konkurrenten aus Kiel, Jürgen Drews. Ende der 1970er Jahre stellte Egon sein Talent vier Jahre lang als Tenor- und Altsaxofonist in der Begleitband von Roy Black unter Beweis, in der er auf vielen Tourneen auch Querflöte spielte und im Chor sang. Kaffee wurde da übrigens eher weniger getrunken. Später, in seiner Zeit bei Radio Bremen, schuf er für Rudi Carrells „Tagesshow“ passgenau die Musik zu den jeweiligen Einspielern und schlug sich mit Hape Karkeling und seinem Pianisten Achim Hagemann in seinem Tonstudio am Osterdeich die Nächte um die Ohren, bis das Zwerchfell vom Lachen schmerzte.

Seine Werbebotschaften kamen beim Fernsehpublikum dermaßen gut an, dass der Absatz der Kaffeemarke um dreißig Prozent in die Höhe schnellte und damit automatisch auch seine Gagen als Werbeikone. Mit dem Geld aus seiner Kaffeekasse legte sich Egon Wellenbrink auf Mallorca eine Finca zu, richtete sich dort ein Tonstudio ein, produzierte einige Bands und brachte eine heute unter Sammlern begehrte CD mit dem Namen „Reflexiona“ auf den Markt. Mit den Titeln dieser musikalischen Mallorca-Visionen – „Entspannen“, „Schweben“ „Träumen“ und „Fühlen“ – ist gut umrissen, womit er sich nach seiner Zeit als Melitta-Mann beschäftigt hat. Er saß dann oft ohne Fernsehberieselung auf der Terrasse seiner Finca in der Nähe von Palma, guckte bei einer Tasse Kaffee auf den Berg Puig de Galazò und ließ es sich mit seiner Familie gut gehen.

Wenn bei Egon Wellenbrink heute mal der Fernseher läuft, schaut er selten Werbung, sondern lieber Musiksendungen und freut sich dabei besonders über die Erfolge seines Sohnes Nico (Wellenbrink) Santos. Der wird übrigens am 30. Juni beim „Bassum Open-Air“ auf der Bühne stehen.

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