Entweder, oder...
Unser Kolumnist Dirk Böhling erinnert sich an die "Entweder, oder..."-Fragen in seiner Jugend.
Das ging bei den Boomern ja quasi schon mit dem ersten
Atemzug los: „Rosa oder blau?“ war die erste Frage des
gerade begonnenen Lebens und bezog sich auf das, was
man zwei Dekaden später einmal Outfit nennen sollte.
Dazwischen gab es nichts: Mädchen in Rosa und Jungs in
Blau – uniformiert aus dem Kreißsaal direkt ins Leben und
dort ging es munter weiter mit dem Entweder-oder in Richtung
Kindheit. Ja, wir mussten uns entscheiden – immer und
überall.
Unsere elektrische Eisenbahn kam entweder von Märklin
oder von Fleischmann. Zum Kinderfasching gingen die einen
als „Huftierbetreuer mit Pistolengurt“ und die anderen als
„Ureinwohner Amerikas im Federschmuck“. Auf Geburtstagsfesten
gab‘s Kaba oder Nesquik. Dann, der erste Füller –
Geha oder Pelikan. Und während zwei sich stritten, kam aus
der Tiefe des Klassenraums der Lamy um die Ecke.
Zum Sport lief man in Puma oder in Adidas auf, die Jeans
waren Wrangler oder Levis, und im Kassettenrekorder steckte
BASF oder TDK. Im Fernsehen liebte man „Dallas“ oder
„Denver“ – beides zusammen ging nicht. Und wer zum Videoabend einlud, musste sich zwischen Team VHS und Team
BETA entscheiden. Diese Liste lässt sich endlos fortführen:
Zündapp oder Kreidler, Amiga oder C64, CDU oder SPD,
Popper oder Punker, „heute“ oder „Tagesschau“, Stones oder
Beatles.
Wir Boomer wurden zur Entscheidung erzogen –
ein Miteinander dieser Marken gab es nicht, und die Worte
„friedliche Koexistenz“ kamen selbst im Deutsch-Leistungskurs
nicht vor. Immer gab es dies oder das – und selbstverständlich
bekam alles gleich den passenden Stempel aufgedrückt.
Wer Disco hört, galt als schmusiger Weichpinsel, Hardrock-
Konsumenten tranken Bier, Reggae-Liebhaber zogen
gerne einen durch, und Punks hatten Stinkefüße – fertig!
„Wie, du magst beides?“ Wer das von sich behauptete, hatte
angeblich keinen Stil, keine eigene Meinung und kein Profil.
Wir Babyboomer wuchsen in einer Welt voller Schablonen
und Schubladen auf und lernten schon als Kinder: Wer dies
tut oder das mag, muss jenes lassen – und gehört damit dorthin
oder hier hinein.
Das setzte sich natürlich auch in unseren Klamotten fort.
Mädels und Jungs in Norwegerpullis sah man selten mit
Schulterpolstern. Die Turnschuhfraktion in Karottenjeans
trug keine Clogs, und wer in den 80ern immer noch seinen
Parka liebte, wurde am besten gesiezt.
Nach Bundeswehr oder Zivildienst kamen Studium oder
Lehre, danach ein gebrauchter Opel oder ein Golf – beziehungsweise
eine Ente oder ein R4 – und schließlich war man
angestellt oder selbstständig. Es zieht sich durch unser Leben,
dieses „Entweder-oder“ – bis heute. Oder sind Sie noch nie gefragt
worden: „Na, noch im Dienst oder schon in Rente?“