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Foto: Nataliya Kolomoyez, April 1994, Sieker/Höllings
#Kolumne – Matthias Höllings
22. April 2024

Die perfekte Welle

Diesmal widmet sich unser Kolumnist Matthias Höllings der Geschichte des Varieté-Schiffs „Welle“, das der österreichische Gastronom Peter „Pepi“ Heiss in den 1990er Jahren an der Schlachte betrieb.

Diesmal widmet sich unser Kolumnist Matthias Höllings der Geschichte des Varieté-Schiffs „Welle“, das der österreichische Gastronom Peter „Pepi“ Heiss in den 1990er Jahren an der Schlachte betrieb.

An den Künstlerinnen und Künstlern hat es jedenfalls nicht gelegen, dass im April 1994 erst die Idee des Bremer Wasser-Varietés „Welle“ und dann später das komplette gleichnamige Schiff untergingen. Die damals 19-jährige Nataliya Kolomoyez (Foto) hatte in ihrer Heimatstadt Kiew fleißig trainiert und beeindruckte als sogenannte Kontorsionistin, umgangssprachlich als Schlangenfrau, ihr Bremer Publikum – aber nur kurz.

Sie war mit vielen anderen Kolleginnen und Kollegen, zum Beispiel der gut ausgebildeten Ballettgruppe mit Gennadij, Wladimir, Anna und Jelena vom Staatlichen Konservatorium in Kiew, nach Bremen gereist und alle glaubten, hier gutes Geld verdienen zu können. Zu Hause brachten sie es als Angestellte in einem ukrainischen Staatsbetrieb auf je zwölf Mark im Monat, in Bremen sollten es pro Kopf 600 Mark sein. Ausgedacht und eingefädelt hatte diesen Deal der österreichische Gastronom Peter „Pepi“ Heiss. 1975 hatte er den bei den Bremer Atlas-Werken vom Stapel gelaufenen Dampfer „Welle“ gekauft und ihn in ein Gastroschiff mit Liegeplatz an der Schlachte umfunktioniert.

1984 und 1986 gab es zwei mysteriöse Brände auf dem Schiff, das zuletzt völlig ausbrannte und dadurch sämtliche Aufbauten verlor. 1994 sollte es nun ein Varieté-Schiff werden – und wurde es auch. Schiffseigner Heiss reiste im selben Jahr nach Kiew, engagierte insgesamt eine 50-köpfige Künstlergruppe, von der jeweils ein Drittel für ein Vierteljahr auf der „Welle“ in Bremen auftreten und auch wohnen sollte. Zur ersten Gruppe gehörte die 19-jährige Schlangenfrau Nataliya.

Voyeurismus als Kassenschlager

Neue Umbauten auf dem Schiff standen an. Unter fragwürdigen und äußerst engen Bedingungen „hauste“ die Künstlergruppe auf dem Schiff und begann mit den Proben. Pepi Heiss hatte zwar auch einen Tag vor der Premiere immer noch keine behördliche Genehmigung für eine Konzessionserweiterung zur „Zurschaustellung von Personen“, warb aber bereits kräftig in Bremen für sein Varieté an der Schlachte. Auf dem Flyer war zu lesen: „Kaufen Sie ein Ticket – nicht für’s Flugzeug, sondern für’s Bremer Welle Varieté und Sie erleben eine einmalige mystische ‚Ukrainische Nacht‘ im Jet-Tempo!

 

 

Sie erwartet ein Zauber aus Magie, Clownerie, Artistik, Erotik und Vergnügen für alle Sinne.“ Der Werbung war auch zu entnehmen, dass der Eintritt 36 Mark, eine Flasche Krimsekt 80 Mark und ein Glas Fassbier (0,3 l) 5,50 Mark kosten sollte. An den Getränkeumsätzen war die Künstlergruppe selbstverständlich nicht beteiligt.

Die Bandura-Spielerin und Sängerin Larissa, der Säbeltänzer Sergej, die Mädchen des erotischen Balletts und der Zauberkünstler Wladimir absolvierten wie ihre Kollegin Nataliya jedoch nur wenige Auftritte an der Schlachte, dann war ihr scheinbar so perfekter Deal auf der „Welle“ geplatzt. Ihr deutscher Arbeitgeber Peter Heiss war ohne behördliche Genehmigung gestartet. Folgerichtig machte die Behörde seinen Nachtclub wegen Sicherheitsmängeln auch wieder dicht.

Untergang an der Schlachte

Plötzlich saß die ukrainische Gruppe beschäftigungslos auf der „Welle“ und es war finanziell kein Land in Sicht. Sie traten frustriert ihre Rückreise an, der Rest des insgesamt 50-köpfigen Ensembles hatte Kiew erst gar nicht verlassen. Schiffsbesitzer Heiss wollte daraufhin eigentlich samt Schiff den perfekten Abflug machen, aber aus bis heute ungeklärten Gründen ging die „Welle“ plötzlich unter.

Irgendwer hatte die Feuerlöschanlage manipuliert und ein Bullauge fein säuberlich herausgetrennt. Die Kripo konnte keinen Täter ermitteln. Was dann folgte, war keine Varieté-Vorführung, sondern die Bergung des Schiffes in sechs Akten. Für bremische Verhältnisse ein ganz großes Schauspiel an der Schlachte, das den Steuerzahler eine Viertelmillion Mark kosten sollte. Pepi Heiss gab auf, strich die Segel und verkaufte sein Schiff – oder das, was davon noch übriggeblieben war – für eine Mark an einen Förderverein. Der steckte jahrelange Arbeit und gut zwei Millionen Mark in das Wrack und machte so aus dem Schrotthaufen die perfekte „Welle“. Diese kann an ihrem heutigen Liegeplatz im Neuen Hafen beim Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven besichtigt werden.

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