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Foto: Friedhard Neumann
26. Juli 2026

„Die Hilfsbereitschaft der Gäste war bemerkenswert“

Mehr als vier Jahrzehnte als Gastronomin im Wiener Hofcafé liegen hinter ihr: Im Interview erzählt Maria Spatzek von anfänglichen Konflikten und treuen Verbündeten

Mehr als vier Jahrzehnte als Gastronomin im Wiener Hofcafé liegen hinter ihr: Im Interview erzählt Maria Spatzek von anfänglichen Konflikten und treuen Verbündeten

Als Maria Spatzek Anfang der 1980er-Jahre mit einer Freundin das Wiener Hofcafé eröffnete, trug sie als Sanyassin noch Orange. Bei den benachbarten Hausbesetzern aus der Wohnanlage Wiener Hof kam das nicht gut an. Im Interview erzählt Spatzek, wie sie sich mit den „wilden Kerlen“ einig wurde, wie sie ihr Privatleben als Alleinerziehende mit der Gastronomie vereinbaren konnte und wie sie das Nachtleben im Bremer Viertel erlebt hat. Heute wird das Lokal unter dem Namen Wiener von Ulf Sommerfeld weitergeführt.

Frau Spatzek, Sie waren mehr als vier Jahrzehnte lang Inhaberin des Wiener Hofcafés. Wie sind Sie damals zur Gastronomin geworden?

Das war der reinste Zufall. Ich hatte gerade mein Lehramtsstudium abgeschlossen und wartete aufs Referendariat. Meine Schwester arbeitete damals in der Kneipe, die an diesem Standort von einem Kollektiv betrieben wurde. Sie fragte mich, ob ich nicht jemanden kennen würde, der sie übernehmen möchte. Aus einer Laune heraus entschieden eine Freundin und ich dann: Das wär doch ganz nett!

Wie ging es dann weiter?

Es war so: Wir mussten erst mal Geld beschaffen. Das war ein Abenteuer! Also ich hatte gar kein Geld, meine Freundin bekam welches von ihrem Vater. Die hat aber leider nach einer gewissen Zeit aufgehört. Sie hatte sich das leichter vorgestellt und es war für sie zu viel Arbeit, glaube ich. Na ja, und ich? Ich konnte nicht aufhören wegen des ganzen geliehenen Geldes. Zwar wollte ich ein bisschen aus dem bürgerlichen Leben aussteigen, bin dann aber voll in die Kreditfalle getappt. Getränkelieferanten, Bürgen – die haben alle die Hand aufgehalten.

Erklären Sie die anfängliche Idee hinter dem Wiener Hofcafé.

Es war in erster Linie eine Kneipe, aber wir haben darauf geachtet, dass sich Frauen wohlfühlen, dass sie allein hierher gehen können und beschützt waren. Tagsüber war es ein Café, und wir haben eine ganze Zeit lang ein Frühstück angeboten.

Wie erinnern Sie sich an die ersten Jahre nach der Eröffnung im Jahr 1981?

Oh ja, die Anfangszeit war nicht einfach! Wir waren kurz zuvor in Indien gewesen und kamen ganz in Orange gekleidet zurück – das kam bei einigen gar nicht gut an. Es gab eine direkte Verbindung zur Nachbarschaft aus den Wiener Höfen, viele von ihnen Hausbesetzer und ziemlich wilde Kerle, zumindest äußerlich. Lange Haare, kaputte Zähne, ein bisschen schmuddelig, aber eigentlich liebe Menschen.

Gab es problematische Situationen?

Durchaus, ja! Kurz nach der Eröffnung wurden uns die Scheiben eingeworfen. Die Hausbesetzer und andere Gäste waren gewaltbereit und wollten wissen, was wir hier eigentlich wollten. Aber wir waren naiv, haben vorgeschlagen, zu reden und mal einen Cognac zusammen zu trinken.

Wie haben Sie sich geeinigt?

Unser Glück war, dass wir von Anfang an einen starken Mann hier hatten. Er war der erste Gast, der hier reinkam, und hat uns immer geholfen.

Welche Verbindung hatten Sie zu ihm?

Zuerst gar keine. Er hat fast nie geredet, war groß, stark, alle hatten Angst vor ihm. Und er konnte sehr gut trinken und kiffen. Mit der Zeit haben wir uns angefreundet, mit Brumski, so hieß er. Er ist bereits verstorben.

Brumski war also eine Art Aufpasser?

Ja. Er hat nie zugeschlagen, das brauchte er nicht. Er hat sich einfach hingestellt und jeder wusste: Wer uns etwas antut, kriegt es mit ihm zu tun.

Welche Klientel kam ins Wiener Hofcafé?

Zu Beginn waren die Leute noch echt hungrig. Wir haben also immer bei einem Bäcker auf dem Lande Käsekuchen bestellt, der macht satt und den haben wir ohne Ende verkauft. Außerdem hatten wir eine schöne, alte Kaffeemaschine, so eine verchromte. Die hat gezischt wie eine Dampflok. Jahrelang war sie eine Art Markenzeichen, später wollte sie aber keiner mehr reparieren. Die Tagschicht war zwar sehr nett, aber gar nicht einträglich. Die Nachfrage wurde immer geringer. Also haben wir das Frühstück nach einigen Jahren gestrichen und erst ab 15 Uhr aufgemacht, später auch den Kaffeebetrieb eingestellt und sogar erst ab 18 Uhr geöffnet.

War das ein Wendepunkt?

Ja, denn abends waren auch viele Halbkriminelle hier. Der Laden hatte einen schlechten Ruf, und der Ton war ziemlich ruppig.

Maria Spatzek hatte für ihre Gäste immer ein offenes Ohr.

Welche Herausforderungen haben Sie während Ihrer Zeit als Lokalinhaberin gemeistert?

Meine Freundin hat sich, wie gesagt, nach einiger Zeit zurückgezogen. Ich habe den Laden dann allein weitergeführt und bin direkt oben drüber eingezogen. Ich habe ein Kind bekommen und war alleinerziehend. Das war natürlich ein Ansporn, Geld zu verdienen, weil das Kind versorgt sein musste. Zu dieser Zeit habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken.

Waren Nachtleben und Mutterschaft gut zu vereinbaren?

Direkt über der Kneipe zu wohnen, hatte den Vorteil, dass ich beides parallel laufen lassen konnte. Nachts hatte ich ein Babyphone. Während der Zapfhahn unten weiterlief, habe ich oben kurz meine Tochter gestillt. Ab und zu bin ich dabei eingeschlafen und der arme Kollege musste dann alles allein machen.

Wäre der finanzielle Druck nicht gewesen, hätten Sie das Handtuch geworfen?

Vielleicht. Andererseits ist die Gastronomie sehr faszinierend: ständig neue Leute – und jeder Abend ist anders. Sogar der Stress, wenn der Laden brummte, hat mir damals Spaß gemacht.

Welche Rolle hat das Lokal für die Gemeinschaft gespielt?

Ich würde sagen, es war ein Teil des Ganzen. In der damals sehr angesagten Lila Eule wurde wunderbare Livemusik gespielt und getanzt, das Cinema Ostertor war um die Ecke. Alle möglichen Künstler, Studenten und Akademiker waren im Viertel zu Hause. Mein Lokal in der Weberstraße war interessant – auch weil es so einen schlechten Ruf hatte. Die kamen alle, um zu gucken, was hier los war. Mit der Zeit entwickelte sich dann ein ziemlich fester Kern an Stammgästen, die so eine Art Familiengalerie am Tresen bildeten.

Gab es Verbindungen zu anderen Lokalen und Kneipen im Viertel?

Ja, wir sind auch oft in andere Kneipen gegangen, ins Piano mit Herbert Decker, ins Litfass mit Eicke und Achmed, ins Lemans und Airport, Rum Bumpers und Eisen – keine Viertelkneipe wurde ausgelassen!

Was machte den Charme des Wiener Hofcafés rückblickend aus?

Es war die Mischung aus Gästen, Mitarbeitenden und der Musik! Einige im Team haben ihre gesamte Studienzeit hier gearbeitet, viele von ihnen sind wirklich einzigartige Menschen. Sie haben die Stimmung geprägt, im Zusammenspiel mit den Gästen. Wer hier arbeitete, brachte seine Lieblingsmusik mit und es wurde gefeiert. Heutzutage wird Musik zunehmend von Streamingdiensten abgespielt, das ist total anders. Auch die Hilfsbereitschaft der Gäste war bemerkenswert! Wir hatten schon immer einige Pflegefälle, die kein gutes Sozialverhalten hatten. Wir haben immer gemeinsam überlegt: Dulden wir den Gast noch, oder schmeißen wir ihn raus? Das haben die Gäste und Tresenkräfte zusammen entschieden. Und heute ist es immer noch ein bisschen so.

Zwischen 1981 und 2023 war Maria Spatzek Inhaberin des Wiener Hofcafés in der Weberstraße 25. Heute schaut sie nur noch gelegentlich vorbei, um einen Cappuccino zu trinken.

Welche Veränderungen haben Sie über die Jahre erlebt?

Zu Beginn waren wir, wie gesagt, naiv und sehr familiär, aber auch frech. Es wurde nicht am Tisch bedient, so wie jetzt. Wir haben einfach durch den Raum gebrüllt, wenn das Bier fertig war. Das ist der alte Stil, aber Rock ’n’ Roll ist jetzt nicht mehr.

Schauen Sie heute noch regelmäßig vorbei?

Ab und zu, ja. Mittlerweile ist es fast zwei Jahre her, seit ich mich zur Ruhe gesetzt habe, und ich möchte nun anders leben.

Wie erleben Sie das Viertel aktuell?

Ich find‘s einfach wunderbar und wohne hier gerne! Ich mag das ganze Gerede darüber, dass vieles schlechter geworden ist, überhaupt nicht. Ich finde sogar, dass es insgesamt ruhiger geworden ist. Nur manchmal, wenn nachts die Leute laut krakeelend durch die Weberstraße ziehen, wünsche ich mir mehr Rücksicht. Wir sollten aufpassen, dass alle miteinander hier gut leben können – das hat schließlich früher auch geklappt!

Das Interview führte Kristina Wiede im Frühjahr 2025.

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