„Der Freak unter den Freaks“
Sven Regener liest im Theater am Goetheplatz aus „Frankie und Freddie“
Seit Jahrzehnten begleitet Sven Regener seine Leser:innen mit Figuren, die einem zugleich fremd und erstaunlich vertraut vorkommen. Im neuen Roman führt er Frank Lehmann und seinen Bruder Freddie wieder zusammen – und knüpft damit an eine Geschichte an, die lange in der Luft lag. Im Gespräch erzählt der gebürtige Bremer, wie Dialoge und innere Monologe entstehen, warum er keine realen Menschen eins zu eins abbildet und weshalb ihn bis heute mehr interessiert, was zwischen Menschen passiert, als das exakte Abhaken historischer Wirklichkeit.
Die Idee zu „Frankie und Freddie“ wirkt, als hätte sie schon länger in der Luft gelegen. War das tatsächlich so?
Ja, unbedingt. Am Ende von „Der kleine Bruder“ ist das ja eigentlich schon angelegt. Da trifft Frank seinen Bruder Freddie wieder, der aus diesem Pillenprojekt kommt, als Proband völlig zerstört. Da steckt schon drin, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist.
Frank Lehmann wirkt in Ihren Romanen oft wie ein sehr normaler Mensch, fast wie ein Korrektiv inmitten all der Künstler, Sonderlinge und Aufgeregten. Täuscht dieser Eindruck?
Das ist eigentlich genau das Interessante an ihm. Unter diesen ganzen Freaks ist er selbst der Freak. Die anderen haben Ziele, Ehrgeiz, Kunstansprüche, Karrieren im Kopf – und argumentieren im Grunde fast so, wie Eltern das sonst tun würden: Du musst doch was aus dir machen. Und Frank, der in der Kneipe arbeitet, sagt einfach: Wieso? Das ist doch ein guter Job, einer muss ihn doch machen. Gerade das macht ihn zum Außenseiter. Aber er liebt diese Leute ja auch. Es sind seine Freunde, seine Bekannten, Menschen, mit denen er gern zusammen ist. Er ist nur eben nicht so wie sie.
Wie entstehen diese Dialoge und Gedankengänge, die sich über Seiten entfalten?
Da ist viel innerer Monolog dabei. Frank denkt ja ununterbrochen, und wir erfahren diese Gedanken in ihrem Fluss, manchmal sprunghaft, manchmal kreisend. Das ergibt sich aus der Sache selbst. Wenn eine Geschichte einmal in Gang gekommen ist, entwickelt sich vieles fast organisch. Dann interessiert mich zum Beispiel: Was passiert, wenn Frank endlich dieses Gespräch mit seinem Bruder bekommt und es ganz anders läuft, als er sich das vorgestellt hat? Was sagen die sich? Können die sich helfen? Wie gehen sie mit dieser darunterliegenden Melancholie um – mit dem Ende der Jugend, vielleicht auch mit dem Ende einer bestimmten Form von Gemeinsamkeit?
Frank Lehmann hat zu vielen Leserinnen und Lesern eine erstaunlich enge Beziehung, obwohl er ihnen biografisch oft fern ist. Woran liegt das?
Ich möchte schon, dass man sich mit ihm identifizieren kann, auch wenn man etwas ganz anderes macht, einem anderen Geschlecht angehört, jünger oder älter ist oder in einer ganz anderen Zeit lebt. Die frühen Lehmann-Geschichten liegen inzwischen mehr als 40 Jahre zurück. Aber bestimmte Erfahrungen lassen sich trotzdem nachvollziehen. Man muss ja auch kein dänischer Prinz sein, um Hamlet zu verstehen. Mein Anspruch ist, Figuren so stark wie möglich zum Leben zu bringen.
Viele Leser:innen erkennen in Ihren Figuren Menschen wieder, denen sie selbst einmal begegnet sind. Schreiben Sie aus direkter Erinnerung?
Nicht eins zu eins. Ich schreibe nicht über real existierende Personen, das würde ich gar nicht wollen. Da hätte ich auch Skrupel, weil man solchen Menschen leicht Unrecht tut. Aber natürlich tragen die Figuren Züge von mir und von anderen, die ich kenne. Daraus setzt sich dann etwas Neues zusammen. Und manchmal erfüllt man sich als Schriftsteller auch heimlich Wünsche, erzählt Dinge auf eine Weise, dass niemand mehr erkennt, was vielleicht einmal ein realer Ausgangspunkt war. Das ist ja der Unterschied zur Autobiografie. Mich interessieren Figuren, die auch für mich neu sind. Ich lerne die beim Schreiben erst kennen.
Ihre Romane spielen oft in den 1980er-Jahren. Wie viel Erinnerung und wie viel Recherche steckt darin?
Recherche mache ich eher wenig. Manchmal muss ich schon noch mal nachsehen, ob irgendetwas örtlich oder zeitlich plausibel ist. Aber es ist eben keine Reportage. Wenn ich schreibe, da stand irgendwo eine Telefonzelle, dann ist mir nicht so wichtig, ob sie dort ganz genau so gestanden hat. Diese Welt muss stimmig sein, aber nicht dokumentarisch. Natürlich sollte der Sielwall den Ostertorsteinweg kreuzen und nicht irgendetwas anderes. Solche Dinge kriegt man aus der Erinnerung aber meistens noch hin.
Was viele umtreibt: Wird die Geschichte von Frank Lehmann noch weitergehen – vielleicht sogar bis in die Gegenwart?
Möglich ist das alles. Aber die entscheidende Frage ist nicht, ob man wissen möchte, wie es weitergeht. Die Frage ist: Ist das interessant genug für einen Roman? Wenn ich ein Jahr oder zwei Jahre an einem Buch arbeite, dann muss mich das selbst wirklich fesseln. Wenn ich beim Schreiben keinen Spaß habe, kann ich schlecht erwarten, dass andere beim Lesen Spaß haben. Und mit dem Hier und Jetzt tue ich mich ohnehin schwer. Wenn ich mit einem Roman fertig bin, ist die Gegenwart, über die ich schreiben wollte, schon wieder vergangen. Außerdem fehlt mir für die unmittelbare Gegenwart oft der Abstand. Journalismus hat die Aufgabe, das Jetzt zu beschreiben. Literatur braucht, glaube ich, oft ein wenig Distanz.
iele würden trotzdem wahnsinnig gerne wissen, was Herr Lehmann heute macht …
Ja, das verstehe ich total. Ganz ehrlich: Ich würde das auch gern wissen. Aber ich weiß es noch nicht.
Das Interview führte Martin Märtens.
Donnerstag, 19. November, 19 Uhr, Theater am Goetheplatz