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Fotos: Matthias Höllings
#Kolumne – Matthias Höllings
22. April 2024

Bremens schwarze Löcher

In dem Zeichentrickfilm Yellow Submarine der Beatles steht Ringo in einer Szene vor einem Meer aus schwarzen Löchern und fragt seine Kumpels John, Paul und George: „Wo sind wir hier? In Loch Ness?“ Dann untersucht er eines davon, steckt es ein und meint: „Ich habe ein Loch in der Tasche.“ Jahre später singt Marius Müller-Westernhagen genau diesen Satz und kommt zu der Erkenntnis: „… und das kann man nicht mehr näh’n. Stecke ich mal Geld in meine Tasche, hab’ ich’s nie mehr geseh’n.“

In dem Zeichentrickfilm Yellow Submarine der Beatles steht Ringo in einer Szene vor einem Meer aus schwarzen Löchern und fragt seine Kumpels John, Paul und George: „Wo sind wir hier? In Loch Ness?“ Dann untersucht er eines davon, steckt es ein und meint: „Ich habe ein Loch in der Tasche.“ Jahre später singt Marius Müller-Westernhagen genau diesen Satz und kommt zu der Erkenntnis: „… und das kann man nicht mehr näh’n. Stecke ich mal Geld in meine Tasche, hab’ ich’s nie mehr geseh’n.“

So erging es nicht nur Marius, sondern zum Beispiel auch dem aktuellen Bremer Haushalt, der angeblich ein 100-Millionen-Euro-Loch aufweist. Es gibt sie also überall, diese mysteriösen Löcher, in denen ständig etwas verschwindet. Mal ist es das Ozonloch, ein anderes Mal fehlt Asphalt im Schlagloch oder das Öl im Bohrloch. Doch es gibt auch Löcher, in denen sich sogar etwas vermehrt. Bremen hat gleich zwei dieser ominösen schwarzen Löcher.

Eines befindet sich nur unweit der Bremer Bürgerschaft auf dem Marktplatz. Damit die Touristen dort nicht aus Versehen hineinstolpern, wurde es mit einem bronzenen Gullydeckel getarnt und verschlossen. Auf dem Deckel steht: „Kreih nich, jaul nich, knurr nich, segg i aa – Doh wat rin in’t Bremer Loch.“ Tja, und dann muss man sich hinknien, falls die Arme zu kurz sind und mindestens eine 10-Cent-Münze in einen Schlitz in der Mitte des Deckels werfen. Die Spende fällt gut einen Meter in die Tiefe, aber es meldet sich dann nicht etwa Bürgermeister Andreas Bovenschulte und bedankt sich für die kleine erfolgte Ausgleichszahlung seines Haushaltsdefizites, sondern es bedanken sich die Bremer Stadtmusikanten. Die freuen sich tierisch und sind akustisch per Chip aus dem Untergrund zu hören. Aufgenommen wurden ihre Laute von Radio Bremen. Ausgedacht hat sich das ganze Spektakel 2007 der Bremer Professor und Designer Fritz Haase. Jahr für Jahr kommen so im Schnitt 20.000 Euro für die Haushaltskasse der Wilhelm-Kaisen-Stiftung
zusammen.

Das zweite schwarze Bremer Loch kommt ganz ohne Geld aus und könnte später für Archäologen so etwas wie ein historischer Mülleimer werden. Nein, keine riesige Baugrube in der Bremer Altstadt. Das Ganze erinnert mehr an ein schwarzes Loch in der Wand einer Altbauwohnung, in der man das Ofenrohr entfernt hat. Was bleibt, ist ein schwarzes Loch, zu hoch, um hineinzusehen und eventuell etwas hineinzuwerfen. Aber genau das mit dem Hineinwerfen hatte der Bremer Künstler Wolfgang Hainke im Sinn – eine Art verborgene Schatzkammer. Inspiriert wurde er von dem persischen Wort „Genezia“, was so viel bedeutet wie verstecken, verbergen oder den Blicken entziehen. Im Altertum gab es solche Kammern, in denen Bücher und rituelle Objekte aufbewahrt wurden, die tagesaktuell keinen Nutzen mehr hatten. Und was wird in diesem Bremer Wandloch des Künstlers aufbewahrt? Das wissen nicht einmal die Menschen der Kunsthalle Bremen, obwohl sich das Objekt „The hole in the wall“ in ihren Räumlichkeiten befindet. In der Kunsthalle werden in der Regel Objekte und Bilder gezeigt und nicht verborgen, vielleicht ist das der Grund, warum es keine Hinweisschilder gibt, wo genau sich dieses schwarze Loch in der Wand befindet.

Als 2016 die Kunsthalle wiedereröffnet wurde, hatte sie Richtung Weser einen Erweiterungsbau erhalten, der direkt an den Altbau anschließt. Und genau an so einer Stelle, an dem sich der Übergang von Alt- zu Neubau befindet, ist eine Nische mit einem schwarzen Loch in der Wand zu finden, zu hoch, um hineinzusehen. Auf Zehenspitzen stehend, kann etwas hineingeworfen werden, von dem er/sie sich gerne trennen möchte, um es so in diesem circa 1,30 Meter tiefen Schacht für die Nachwelt zu erhalten. Egal, was es auch sein mag, die Privatsphäre bleibt gewahrt, denn der Hohlraum ist unzugänglich. Niemand kommt an die eingeworfenen Objekte heran – auch der Künstler nicht.

Wer also etwas für seine Work-Life-Balance tun möchte, könnte zum Beispiel sein Handy ausschalten und es in dem schwarzen Loch für immer (?) verschwinden lassen. Die 1981 erschienene schwarze Langspielplatte von Maruis Müller-Westernhagen passt allerdings nicht in das schwarze Loch mit einem Durchmesser von nur 25cm, aber wer hat heutzutage bei einem Kunsthallenbesuch schon schwarzes Vinyl dabei?

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