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Foto: Martin Märtens
#Aus dem Herzen der Raute
22. Juni 2024

Bitte kein Seniorenleistungszentrum

Unser Kolumnist Jean-Julien Beer sinniert über Werders Nachwuchsleistungszentrum

Unser Kolumnist Jean-Julien Beer sinniert über Werders Nachwuchsleistungszentrum

Der moderne Fußball hat uns schon viele Wort-Ungetüme beschert. Weit oben auf der Liste der nervigen Begriffe: Nachwuchsleistungszentrum. 25 Buchstaben, verteilt auf sechs Silben: Kein Wunder, dass die Fußballer das gerne mit NLZ abkürzen. In Bremen gibt es auch so ein NLZ, aber es ist das Gegenteil von modern. Die Räumlichkeiten für die Spieler sind eher antik, in jedem Fall stammen die Kabinen und Duschen aus einer Zeit, als es das Wort Nachwuchsleistungszentrum noch gar nicht gab.

Es ist schwer zu sagen, wann Werder hier den Anschluss verloren hat und wer die Schuld trägt: der Verein, die Stadt oder die Anwohner mit ihrem Argwohn gegenüber Veränderungen in der Pauliner Marsch? Was man aber sagen kann: Sogar viele Zweitligisten im Norden bieten dem Nachwuchs inzwischen modernste Sportanlagen, die Erstligisten sowieso. Wer mit seinem talentierten Kind die Standorte abklappert und sich entscheiden soll, der muss schon ein hoffnungsloser Romantiker sein, um Werder den Zuschlag zu geben.

Seit Ewigkeiten geht nichts voran. Dabei bräuchte der Verein dringend bessere Anlagen, nicht nur für den Nachwuchs, auch für die Frauenmannschaft.

Immerhin: Nach Jahren des Debattierens und Ausharrens gibt es nun jemanden, der den Stillstand nicht als Vorstufe zum Fortschritt empfindet, sondern als inakzeptablen Rückschritt.

Sein Name: Tarek Brauer, Geschäftsführer bei Werder. Der studierte Jurist ist unter anderem für die Entwicklung der Sportanlagen zuständig und macht Nägel mit Köpfen: In seinem Büro im Weserstadion türmen sich die Skizzen und Baupläne, man merkt im Gespräch, wie sehr ihn die verlorenen Jahre nerven. Vergleichsweise ist es nun Lichtgeschwindigkeit, mit der Fakten geschaffen werden sollen. Alle alternativen Standorte in Bremen und Niedersachsen wurden geprüft, überall gab es Gründe, die gegen einen Bau sprachen. Das gilt auch für das Unigelände und die Rennbahn.

Deshalb ist klar: In der Pauliner Marsch wird der „Platz 11“ modernisiert statt neu gebaut. Alles wird kleiner als anfangs gedacht. Aber dafür soll ratzfatz angefangen werden. Obwohl es sich um eine Bezirkssportanlage der Stadt handelt, würde Werder 75 Prozent der Kosten übernehmen. Viel Zeit sollten Werder und die Stadt jetzt nicht mehr verlieren – denn sonst brauchen die heutigen Talente eher ein Seniorenleistungszentrum.

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