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Foto: Werder Bremen
#Bremer Köpfe
30. Oktober 2026

Angekommen im Norden

Werder-Frauen-Trainerin Friederike Kromp über ihr erstes Jahr in Bremen

Werder-Frauen-Trainerin Friederike Kromp über ihr erstes Jahr in Bremen

Friederike „Fritzy“ Kromp hat in ihrer Laufbahn mit vielen jungen Fußballtalenten gearbeitet. Sie trainierte unter anderem bayrische Auswahlteams wie U12-Mädchen und U16-Jungs, die später Nationalspieler:innen wurden, arbeitete an einem DFB-Stützpunkt und leitete Feriencamps. Was sie aus dieser Zeit mitnimmt, prägt ihre aktuelle Tätigkeit: Seit der Saison 2025/26 ist sie die Cheftrainerin der Werder-Frauen – ihre erste Station in der Bundesliga. Im Interview mit dem STADTMAGAZIN BREMEN spricht sie über die Entwicklung junger Spielerinnen, Highlightpartien im Weserstadion, die noch immer ungleichen Bedingungen für Mädchen und Jungen sowie die Professionalisierung des Frauenfußballs bei Werder Bremen.

Frau Kromp, Sie sind im Sommer 2025 von München nach
Bremen gezogen. Wann hatten Sie das Gefühl, angekommen zu
sein?
Friederike „Fritzy“ Kromp: Ehrlich gesagt – komplett angekommen erst vor Kurzem. Nach dem Nordderby im September hatten wir ein freies Wochenende, und meine ganze Familie war zu Besuch. Eigentlich verrückt, dass es ein Jahr gedauert hat. Aber das erste Jahr war einfach sehr intensiv. Meine Familie hat mir dann eher die Stadt gezeigt. Sie waren bestens vorbereitet und haben mir erklärt, wo ich hier eigentlich wohne. Zusammen haben wir Bremen erkundet, waren in netten kleinen Cafés und haben auch Bremerhaven entdeckt.

Wo in Bremen können Sie am besten den Kopf frei bekommen?
Im Bürgerpark. Dort gehe ich gerne laufen und sitze danach auch mal mit einem Buch in der Sonne auf einer Bank, höre einen Podcast oder telefoniere. Wirklich freie Tage gibt es kaum, deshalb blocke ich mir diese paar Stunden ganz bewusst. Dann lege ich das Handy weg und lasse die Seele baumeln.

Bleiben Sie dort unerkannt?
Nein, die Zeiten sind vorbei. Durch die Fußball-WM und meine Tätigkeit als ZDF-Expertin in diesem Sommer ist das wieder extremer geworden. Im Bürgerpark sind viele Kinder- und Schülergruppen unterwegs, die wollen hin und wieder Fotos machen. Das ist immer sehr nett. Wenn ich nicht angesprochen werden will, sieht man mir das an: Dann trage ich eine Mütze tief ins Gesicht gezogen (lacht).

Vor einem Jahr haben Sie gesagt, mit Werder Bremen sei es keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Wie ist es heute?
Wer im Süden aufwächst, hat Werder nicht unbedingt als Erstes auf dem Schirm. Mein Gedanke war: Das ist aber weit weg. Mittlerweile weiß ich, dass man mit dem Zug ziemlich gut nach Hause kommt. Heute verbinde ich mit dem Verein tolle Menschen und Begegnungen, positive Erlebnisse und sportliche Höhepunkte. Wir haben sogar zweimal im Weserstadion gespielt. All das macht das Bild immer vollständiger und gibt mir das Gefühl, dazuzugehören.

Die Begeisterung für die Werder-Frauen ist in Bremen riesig. Was macht das Team so nahbar?
Das liegt an der Art, wie sich die Mannschaft präsentiert. Bei uns bekommt man Energie, Wille, Mentalität und Leidenschaft. Dazu kommt etwas Nostalgisches: mit Bratwurst und Bier hinter der Tartanbahn an Platz 11 zu stehen und die Frauen anzufeuern. Das hat in der Stadt schon Kultstatus. Ich bin immer begeistert, wie viele Menschen auch bei schlechtem Wetter kommen. Unterstellen kann man sich dort schließlich nirgends. Unsere Spielerinnen sind normal geblieben, gleichzeitig sind sie gestandene Persönlichkeiten mit eigenen Geschichten, die sie gerne erzählen. Sie sind
Vorbilder für Mädchen und Jungen. Bei uns sind viele Familien mit Kindern im Publikum, die diese Nahbarkeit schätzen. Das macht uns stolz, und wir wollen den Menschen auch viel zurückgeben.

Zuletzt haben die Werder-Frauen im September beim Nordderby gegen den HSV vor mehr als 26.000 Menschen im Bremer Weserstadion gespielt. Was macht so ein Abend mit dem Team?
Die Aufregung ist eine ganz andere. Einige Spielerinnen kennen das schon und gehen souveräner damit um. Für andere ist es völlig überwältigend. Manche haben mir erzählt, dass sie tagelang danach nicht schlafen konnten, weil die Eindrücke so gewaltig waren. Davon haben sie als Kinder geträumt. Gerade deshalb ist es so besonders, weil es nur selten vorkommt.

Wie geht das Trainerteam mit dieser besonderen Situation um?
Ich habe gelernt, dass man in solchen speziellen Situationen nicht zu viel erwarten darf. Es gilt hier, die einzelnen Spielerinnen zu bestärken, ohne sie noch nervöser zu machen. Zu sagen, es sei ein Spiel wie jedes andere, ergibt keinen Sinn – das stimmt nicht. Manche fiebern wochenlang darauf hin und wollen sich auf keinen Fall verletzen, weil sie so etwas vielleicht nur einmal in ihrer Karriere erleben. Dafür muss man Verständnis haben.

Und trotzdem wollen wir unbedingt gewinnen, denn am Ende gibt es dieselben Punkte wie in jedem anderen Ligaspiel.

Der Frauenfußball wird immer professioneller. Was hat sich bei
Werder Bremen konkret verändert?
Zuletzt vieles. Wir reisen zum Beispiel inzwischen mit einem eigenen Profibus. Einen eigenen festen Trainingsplatz haben wir zwar noch nicht, aber er ist geplant. Mit dem Erwerb des Hansewasser-Bads soll außerdem eine neue Heimat für die Frauen entstehen. Momentan teilen wir uns die Besprechungsräume in den Containern noch mit Nachwuchsteams und Kindern aus der Schulbetreuung. Das geht alles nicht von heute auf morgen, aber es ist auf dem Weg. Und es muss passieren, wenn man zur Elite gehören möchte: Die Konkurrenz investiert, und unser Vorsprung als gestandener Bundesligist kann schnell schmelzen.

Werder Bremen wurde für sein Engagement im Mädchen- und Frauenfußball ausgezeichnet. Mit der Sparkasse Bremen pflanzt das Team aktuell für jedes Tor Bäume. Wie wichtig ist Ihnen, dass Fußball auch gesellschaftlich und ökologisch etwas bewirkt?
Sehr wichtig. Eine Aktion wie das Bäumepflanzen hilft, weil das Thema Woche für Woche präsent ist – sofern wir treffen. Das Team trägt das gern mit und nimmt auch Termine dafür wahr. Der Frauenfußball ist da vielleicht noch nicht so satt wie der Männerfußball. Die Spielerinnen kennen diese Form des Engagements erst seit wenigen
Jahren. Sie sind reflektierte Persönlichkeiten, die sich gern für etwas starkmachen, mit dem sie sich identifizieren können, zum Beispiel in eine Schule gehen, Kinder für den Sport begeistern, ein Mädchentraining begleiten, Vorbild sein und sich für Nachhaltigkeit einsetzen. Dafür steht der Verein Werder Bremen, und wir im Frauenbereich wollen unseren Anteil daran haben.

Sie sagten einmal, dass Mädchen und Jungen bei der Talentförderung nicht die gleichen Chancen haben. Warum nicht?
Gute Frage, das Thema ist ein größeres gesellschaftliches Thema und ist nicht nur im Sport sichtbar. Nehmen wir zwei sechsjährige Kinder: Ein Junge hat ganz andere Möglichkeiten, gefördert zu werden. In Deutschland gibt es knapp 60 Nachwuchsleistungszentren – ausschließlich für Jungen. Für Mädchen gibt es das bei keinem Verein. Der DFB fängt gerade erst an, auch bei den Frauen für den Nachwuchs
Lizenzierungen einzuführen. Es ist ein sehr weiter Weg.

Diese Diskrepanz zeigt sich später in der Bundesliga?
Natürlich. Die teilweise knapp zehnjährige Ausbildung, die ein talentierter Junge in einem Leistungszentrum durchläuft, fehlt unseren Spielerinnen schlichtweg, da sie eben nicht die Möglichkeiten hatten. Das Bewusstsein für diesen strukturellen Nachteil fehlt mir häufig, auch in der Bewertung unserer Spielerinnen. Wenn Leute im Stadion sagen, taktisch und technisch könnte das besser sein, frage ich: Wissen Sie, was die letzten zehn Jahre dieser Spielerinnen waren? Ein Kampf darum, überhaupt mitspielen zu dürfen. Sie waren selten bei den Besten und hatten als Trainer oft den Papa einer Mitspielerin.

Sie sind auch als TV-Expertin im Einsatz. Was gibt Ihnen das?
Vieles, unter anderem holt es mich immer wieder aus der Komfortzone. Ich frage mich: Kann ich mich noch klar ausdrücken, wenn Millionen zuschauen? Ich will grundsätzlich nicht nur Fußballtrainerin sein, gerade um am Ende auch eine bessere Trainerin zu sein. Und wenn du Champions-League-Spiele analysierst, siehst du immer etwas Spannendes, auch bei den Trainern: wie sie coachen, wie sie mit ihren Spielern sprechen. Ich finde das sehr spannend zu beobachten und sauge das förmlich auf.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Ich bin bisher gut damit gefahren, im Hier und Jetzt zu leben. Daraus haben sich immer Dinge ergeben, die ich nie für möglich gehalten hätte. Gerade passiert in der Frauenbundesliga und bei unserem Club sehr viel. Diesen Prozess zu begleiten, macht mir große Freude. Ich bin selbst gespannt, wie es weitergeht.

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