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#Bremer Köpfe
23. Mai 2024

Abenteuer auf Skiern

Die Bremerin Sarah Winkelmann plant eine Expedition durchs eisige Grönland

Sarah Winkelmann will im Mai weibliche Polargeschichte schreiben: Als bisher jüngste deutsche Frau möchte die Bremen-Norderin Grönland auf Skiern durchqueren. Während ihrer voraussichtlich 30-tägigen Expedition wird sie einen 75 Kilo schweren Schlitten hinter sich herziehen, wofür sie vorab ein monatelanges, hartes Training absolvierte. Im Gespräch verriet die 27-Jährige, woher ihre Begeisterung für das Abenteuer kommt, wie sie sich bei minus 40 Grad warmhält und was eine SMS via Satellitentelefon kostet.

Sarah Winkelmann will im Mai weibliche Polargeschichte schreiben: Als bisher jüngste deutsche Frau möchte die Bremen-Norderin Grönland auf Skiern durchqueren. Während ihrer voraussichtlich 30-tägigen Expedition wird sie einen 75 Kilo schweren Schlitten hinter sich herziehen, wofür sie vorab ein monatelanges, hartes Training absolvierte. Im Gespräch verriet die 27-Jährige, woher ihre Begeisterung für das Abenteuer kommt, wie sie sich bei minus 40 Grad warmhält und was eine SMS via Satellitentelefon kostet.

Frau Winkelmann, Sie planen, als jüngste deutsche Frau die Eiswüste Grönlands zu durchqueren. Woher kam die Idee?

Ich habe bereits zwei Expeditionen gemacht, meine erste vor drei Jahren in Norwegen. Die Lust auf Skitouren kommt von früher, da habe ich mit meinen Eltern viel Zeit draußen verbracht. Die Pandemie spielte aber auch eine Rolle. Als ich hauptsächlich zu Hause war und kaum etwas unternehmen konnte, spürte ich irgendwann einen Abenteuerdrang.

Wie sieht Ihr Training für ein solches Vorhaben aus?

Meine Vorbereitung unterteilt sich in drei große Blöcke: physisches Training, mentale Vorbereitung und logistische Organisation. Pro Woche gehen in etwa 20 Stunden für das physische Training drauf. Davon ziehe ich etwa zehn Stunden lang drei Autoreifen hinter mir her, um die 75 Kilogramm zu simulieren, die mein Schlitten wiegen wird. Hinzu kommen Ausdauer-, Mobilitäts- und Krafttraining. Ähnlich umfangreich ist die Vorbereitungszeit, die in die logistische Organisation fließt: Ausrüstung vergleichen, bestellen und testen, Versicherungen abschließen, offizielle Genehmigungen einholen und Sponsoren finden. Dabei ist die mentale Vorbereitung am schwersten zu trainieren. Hier ist meine Prämisse: Je besser die Planung und je routinierter die einzelnen Abläufe, desto größer ist das Gefühl von Sicherheit, das ich mir schaffe. So hoffe ich, gut auf die insgesamt rund 600 Kilometer Wegstrecke vorbereitet zu sein.

Die grönländische Regierung erlaubt Einzelpersonen keine Expeditionen. Hätten Sie das Abenteuer überhaupt im Alleingang gewagt?

Ja, ich hätte es auch allein gemacht, dann allerdings zu einem späteren Zeitpunkt. Nun gehe ich als einzige Frau, aber mit acht weiteren Teilnehmern an den Start. Im Alleingang bräuchte ich eine Schusswaffenlizenz, die ich aktuell noch nicht habe. Auf einer Jagdschule habe ich immerhin bereits gelernt, wie ich im Notfall einen Schuss abfeuern könnte. Das ist wichtig, denn in Grönland ist der Mensch nicht das letzte Glied in der Nahrungskette, da muss man vorsichtig sein. Eisbären sind dort eine ernst zu nehmende Gefahr.

Wie reagieren die Menschen in Ihrem Umfeld auf Ihr Vorhaben?

Die Menschen, die mir nahestehen, kennen meine Abenteuerlust und wissen, was ich alles schon gemacht habe. Ihnen war klar, dass ich früher oder später auf so eine Tour gehen würde. Leute, die ich neu kennenlerne und denen ich von meinen Plänen erzähle, sind oft erstaunt, dass eine Mittzwanzigerin so etwas vorhat. Sie verbinden solche Abenteuertouren eher mit Reinhold Messner.

Wie planen Sie den Proviant?

Ende Januar gehe ich auf eine Testtour, die sechs Tage dauert. Der Versuch ist sehr nah am eigentlichen Vorhaben, denn ich nehme genau das mit, was ich auch in Grönland bei mir haben werde. Dadurch lerne ich auch das optimale Packen. Das Ganze wiederhole ich im Februar, März und April. Vieles ist übrigens in doppelter Ausführung dabei, weil sich gewisse Dinge schnell abnutzen.

Duschen gestaltet sich bei zweistelligen Minusgraden sicher schwierig. Wie werden Sie Ihre Körperhygiene bei der Kälte durchführen?

Das ist gerade als Frau eine echte Herausforderung. Es gibt Männer, die duschen 30 Tage einfach gar nicht (lacht). Das ist aber nichts für mich. In meiner Strategie spielt Schnee, den wir schmelzen, eine Rolle. Das kann man mit einem Benzinbrenner machen. Außerdem gibt es kleine Tücher, die sich für eine „Katzenwäsche“ eignen. Man denkt immer, dass man sich nach körperlicher Anstrengung duschen müsste, trägt man allerdings Material aus Wolle nah am Körper, riecht das kaum. Das ist ein großer Vorteil.

In der Nacht fallen die Temperaturen in Grönland auf bis zu minus 40 Grad. Wie halten Sie sich warm?

Mithilfe eines Sets an Routinen und kleinen Tricks. Ein guter Schlafsack ist eine Grundvoraussetzung, kombiniert mit einem Innenschlafsack. Und eine Luftmatratze, die speziell für arktische Verhältnisse entwickelt wurde. Als Routine bezeichne ich Dinge, wie einen Spaziergang ums Zelt kurz bevor man schlafen geht, um sich noch einmal zu bewegen. Wichtig zu verstehen ist auch: Der Schlafsack selbst wärmt nicht, sondern er hält nur warm. Deshalb fülle ich zwei Literflaschen mit heißem Wasser und nehme sie mit in den Schlafsack. Das hält die ganze Nacht angenehm warm.

Können Sie und Ihr Team während der Expedition Kontakt zur Außenwelt halten?

Ja, wir haben Satellitentelefone, worüber wir Kontakt zu anderen Menschen halten und, falls etwas passieren sollte, unseren Standort übermitteln können, um Hilfe per Helikopter zu erhalten. Auf meiner ersten Expedition habe ich das Telefon eingeweiht und meiner Mama eine einzige Textnachricht geschickt, das Senden und Empfangen kostete zehn Euro. Ich wollte ihr von meinem Tag erzählen, habe sogar die maximale Zeichenzahl ausgeschöpft und erhielt dann eine Nachricht von ihr, in der lediglich stand: „OK – hab dich lieb“ (lacht).

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Beruflich würde mich in naher Zukunft ein Medizinstudium reizen, das war schon immer mein Traum. In Deutschland ist das allerdings selbst mit einem Spitzenabitur als Zweitstudium praktisch unmöglich. Eine weitere Expedition ist denkbar, aber abhängig davon, wie die Tour in Grönland verläuft. Außerdem ist so eine Expedition auch eine unglaubliche finanzielle Herausforderung. In diesem Fall belaufen sich die Kosten auf mindestens 30.000 Euro. Einen Teil des Sponsorings übernimmt zum Glück das Bremer Traditionsunternehmen Hachez. Beim Südpol rechne ich mit über 100.000 Euro. Daher bin ich immer auf der Suche nach Sponsoren und für jede finanzielle Unterstützung dankbar.

Die Fragen stellte Max Stascheit. 

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