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#Kolumne – Matthias Höllings
8. Dezember 2022

Die drei von der Award-Stelle

Matthias Höllings über die Geschichte des Sold Out Awards: Wer steckt eigentlich hinter der Ehrung, seit wann gibt es sie schon und wer wurde bereits damit ausgezeichnet?

Matthias Höllings über die Geschichte des Sold Out Awards: Wer steckt eigentlich hinter der Ehrung, seit wann gibt es sie schon und wer wurde bereits damit ausgezeichnet?

Als 2008 der ehemalige englische Mobiltelefonverkäufer Paul Potts bei seinem ausverkauften Konzert in der Stadthalle Bremen mit Puccinis Arie „Nessun Dorma“ sein Publikum begeisterte, bekam er an diesem Abend den ersten „Sold Out Award“. Ausgedacht hatte sich diese Ehrung die damalige Pressestelle der Halle, um damit zu dokumentieren, dass auch die internationale Showwelt in Bremen Halt macht. Die Awards waren spezielle Sonderanfertigungen im Hochformat mit verschiedenfarbigen Holzrahmen, die in den Folgejahren unter anderen auch Depeche Mode, Die Ärzte, Peter Maffay, Santiano, Ina Müller und die Kelly Family überreicht bekamen.
Doch wer sind die Macher dieser auf drei bis fünf pro Version limitierten Auszeichnungen? Der Grafiker Robert Sgrai und der Rahmen-Spezialist Bernd Nagel aus Emden übernahmen als Duo diesen Job und konnten auch kurzfristig an Wochenenden und Feiertagen liefern. Doch die deutsche Hallenkonkurrenz schlief nicht und zog mit eigenen Awards nach. Robert Sgrai fühlte sich herausgefordert und schuf für Bremen Nachfolgemodelle, die in puncto Kreativität, Ausführung und Verarbeitung einmalig sind. Sein Anspruch lautet: „Die Künstler sollen sofort sehen und spüren, dass es sich um ein typisches Bremer Unikat handelt.“ Dafür brauchte Sgrai neue Partner in seiner unmittelbaren Umgebung. Nils Holger Meyer, Firmeninhaber von nhm-Werbung, stellte nicht nur sein Know-how für die neuen unterschiedlichen Materialien zur Verfügung, sondern zusätzlich einen seiner Mitarbeiter, Michael Hellwig, den filigrane Tüftler des Emder Trios.

Mit Einschusslöchern

Für die Band Revolverheld entwarf Sgrai extra im Westernlook gezeichnete Fahndungsplakate, die sogar Einschusslöcher aufwiesen. Die eingebauten Patronenhülsen stiftete die Bremer Polizei. Stargeiger David Garrett empfand seinen „Sold Out Award“, für den Sgrai ihn extra in einem Acrylgemälde im Pop-Art-Stil verewigt hatte, als so außergewöhnlich, dass er das Gemälde noch am Konzertabend per Taxi von Bremen nach Berlin in sein Apartment bringen ließ – aus Angst, es könne ihm aus dem Tourbus gestohlen werden. Für die Band Rammstein legte sich Sgrai dermaßen ins Zeug, dass er den Award mit vielen Gitarreneinzelteilen in einer Emder Werft sogar schweißen musste und er es so auf fünf Kilogramm brachte. Helene Fischers Auszeichnung entstand im Zusammenhang mit Kollege Nils Holger Meyer aus Aluminium und wurde ein so großes Exemplar zum Aufklappen, dass die Sängerin sich dahinter verstecken konnte.
Mit fortschreitender Technik und neuen Möglichkeiten werden mittlerweile alle nur erdenklichen Materialien verwendet, die mit vielen Arbeitsgängen mal gelasert oder bedruckt werden. So entstehen in Emden bis heute immer wieder neue „Sold Out Awards“. ÖVB-Arena-Chef Andreas Adolph ist zwar formal Auftraggeber, hält sich aber bei den Bestellungen zurück: „Ich rufe den Sgrai an und gebe ihm Künstlernamen, Auftrittsdatum und die gewünschte Anzahl der Awards durch – mehr nicht. Ich bin dann selbst jedes Mal genauso von dem Ergebnis überrascht, wie die Künstler. Es ist unglaublich, was die drei Jungs von der Award-Stelle in Ostfriesland so alles aushecken.“
Herbert Grönemeyer war zum Beispiel von seinem Award so begeistert, dass er sich noch ein zusätzliches Exemplar anfertigen ließ. Sir Elton John war 2019 nicht nur angetan vom LED-Licht, sondern auch von den integrierten Klaviertasten, und Udo Lindenberg entdeckte sofort auf seinem 2022er- Award, dass die auf Folie gedruckten und dann per Hand ausgeschnittenen Stadtmusikanten alle Hut und Sonnenbrille tragen. Sein Kommentar: „Ey, Alter, das ist echt ein voll cooles Teil!“

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